Vier Jahre 

Heute vor vier Jahren rollten die ersten russischen Panzer über die ukrainische Grenze, Bomben fielen auf Kindergärten und Kliniken, Brücken und Kraftwerke wurden und werden zerstört. Deswegen sind meine Gedanken heute bei den Menschen in Kijiv und Charkiv, in Odessa und Lwiw.

Bei allen, die Väter oder Söhne, Mütter oder Töchter verloren haben. Oder Nachbarn, Freundinnen und Kollegen. Bei allen, die in drückender Dunkelheit und bitterer Kälte ausharren und auch noch anderen helfen, die das selbst nicht mehr können. 

Wie schwer waren die paar Wochen und Monate Corona-Lockdown für uns. Wie viel schwerer ist das, was die Ukrainer:innen erleben: Vier Jahre Angst, Zerstörung, geraubte Zukunft, vier Jahre warme Worte und maue Hilfe aus dem Westen. 

Ich weiß, es gibt gerade sehr viele schlimme Nachrichten und ich kann gar nicht alles an mich heranlassen. Aber heute, heute darf es mir wehtun und mich beschweren. Und morgen vielleicht nochmal. Denn der erste Schritt, das Leid zu beenden, ist es anzuerkennen. Dass ich hinsehe und zuhöre und Anteil nehme. Und viele andere hoffentlich auch. Wenigstens für einen ausgiebigen Augenblick.

Foto: Max Kukurudziak auf Unsplash.com

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Tag der Schwertschlucker

Ihr wusstet das alle bestimmt, ich hab’s gerade erst entdeckt: Der 23. Februar ist der „Tag der Schwertschlucker“. Unter all den anderen Gedenktagen schillert er irgendwie übermütig heraus. 

Wären nicht gerade Ferien gewesen, ich hätte meine Grundschüler gern gefragt, wer weiß, was ein Schwertschlucker ist. Vielleicht dient das Gedenken ja dazu: diese seltene Kunst vor dem Vergessen zu bewahren.

Vielleicht brauchen wir den Tag auch, weil Schwertschlucken keine ganz ungefährliche Sache ist und deshalb am Aussterben. Oder weil die Versicherungsprämien der Schwertschlucker inzwischen so hoch sind, dass es sich nicht mehr lohnt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich jedenfalls schon ein leichtes Kratzen im Hals.

Heute ziehe ich meinen Hut vor allen Schwertschlucker:innen. Außer Schaukämpfe, die auch niemanden verletzen, gibt es wenig Sinnvolleres, was man mit einem Schwert anfangen kann.

Vielleicht kommt in den nächsten Jahren der Tag der Drohnenschlucker oder der Streubombenlutscher noch dazu?

Das wäre doch ein gutes Zeichen!

Foto: Jonathan Kemper via unsplash.com

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Spatzenhirne

Selbstfahrende Autos. Seit Jahren wird das angekündigt, erprobt, ausgewertet. Bald soll es so weit sein, heißt es. Ich schaue auf die Straße und stelle mir vor, wie es dann wohl zugeht. Vielleicht ja weniger impulsiv und aggressiv, das wäre schön. Und alle Beschwipsten und Bekifften kämen sicher von A nach B.

Aber erst müssen die Sensoren noch besser werden. Die KI muss noch dazu lernen. Die Bordcomputer brauchen mehr Rechenleistung. Dann klappt’s bestimmt.

Ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei. Sie zischen pfeilschnell durch kleine und kleinste Lücken im Gebüsch. Sie stoßen auch im Schwarm nicht zusammen und ecken nirgends an. Schon krass, denke ich mir, was so ein Spatzenhirn leistet. 

In meinem Menschenhirn formt sich ein Gedanke: Wie kommt es, dass uns die KI, die wir geschaffen haben, offenbar so viel mehr fasziniert als das, was Gottes Geschöpfe so alles drauf haben? Immerhin gehören wir selbst ja auch zu diesen wundersamen Wesen. Vielleicht sollte ich aufhören, das als selbstverständlich zu betrachten.

(Foto von P A auf unsplash.com)

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Schlecht gealtert

Es ist genau 50 Jahre her, da landete der Niederländer Nico Haak einen Hit in Deutschland: Schmidtchen Schleicher. Im Internet steht bis heute: „Ein lustiges Lied über einen Tänzer, der die Frauen mit seinen elastischen Beinen begeistert.“

Viele haben damals begeistert mitgesungen. Aber eine Zeile ist schon ganz schön „cringe“, um es mal vorsichtig zu sagen „die Frauen fürchten sich und fangen an zu weinen – doch Schleicher Schmidtchen schleicht sich immer wieder an“. Der Mann als Jäger, die Frau als Beute. Sie weiß bloß noch nicht, dass sie es eigentlich will. Ja ja…

Klar sagen jetzt manche: Das war doch nur Spaß. Aber es gibt eben auch echtes Stalking und sexualisierte Gewalt, und zwar nicht zu knapp. Und so mancher Übergriff wird vom Täter als Späßchen verharmlost. Wer sich dagegen wehrt, ist kein hysterisches Sensibelchen und absolut im Recht.

So, wie einen guten Tänzer das Gefühl für Rhythmus, Takt und den richtigen Abstand ausmacht, so sollte das auch im Büro und überall sonst funktionieren. Dann tanzen auch alle gern mit.

Foto: Dan Calderwood/unsplash.com

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Die Stunde der Misfits

Der Advent beginnt mit einer Kerze. Und je dunkler die Tage werden, desto mehr festliche Lichter kommen dazu. Leuchtende Kinderaugen, Süßigkeiten, Geschenke. So weit, und hoffentlich so gut. Schön, dass bald Weihnachten ist. Aber davon wird die Welt ja nicht automatisch besser. Das Gute in meinem Leben und in der Welt kennt leider weder Kalender noch Jahreszeiten. Es hält sich an überhaupt keinen Fahrplan. Krisen und Katastrophen beherrschen nach wie vor die Schlagzeilen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen wenigstens zeitweise den Nachrichten aus dem Weg. So viele waren es noch nie. Und ich kann das gut verstehen. Es ist schwer auszuhalten.

Da hilft nicht einmal Urlaub. Selbst im idyllischen Irland haben stoplere ich dieses Jahr über die eindringlichen Mahnmale der großen Hungersnot. Das erste gleich auf dem Weg vom Hafen in die Innenstadt von Dublin, das andere tags darauf ganz im Westen am Fuß des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren. In Irland brach 1845 die Kartoffelfäule aus. Eine Million Iren verhungerten, auch weil die englischen Grundherren keinen Finger krumm machten. Seit sieben, acht Generationen arbeiten sich die Iren an ihrem nationalen Trauma ab. Der Anblick erinnert mich sofort wieder an himmelschreiendes Elend heute, vor allem den Hunger der Menschen in Gaza und im Sudan. Und ich frage mich: Wie lange wird der dunkle Schatten auf den Kindern und Kindeskindern derer liegen, die das jetzt alles durchmachen?

Was kann ich von Gott erwarten? Einen Hinweis darauf habe ich in einer Geschichte aus der Bibel entdeckt, die vor fast dreitausend Jahren spielt. Sie erzählt dramatisch von Hunger, Krieg und Tragödien; aber sie steckt auch voll rebellischem Humor. So, dass ich das Gefühl habe: Nicht ich lese diese Geschichte, sondern diese Geschichte liest mich und meine Gegenwart.

Von Feinden umzingelt

Wir befinden uns in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Auch da gibt es Krieg und Hungersnot (2. Könige 6,24-7,20): Die feindlichen Aramäer haben einen Belagerungsring um die Stadt Samaria gezogen. Es herrscht Hyperinflation bei Lebensmitteln, schließlich gehen sie ganz aus. Die Leute schwanken zwischen Resignation und Panik. Ein Fall von Kannibalismus sorgt für Aufsehen. Und mittendrin der König von Israel, der erschüttert die aussichtslose Lage besichtigt.

Als der König … auf der Mauer entlangging, sah das Volk, dass er ein Bußgewand auf dem bloßen Leib trug. Er rief: Gott soll mir dies und das antun, wenn Elischa … bis heute Abend seinen Kopf behält.

Bevor er verhungert oder kapituliert und vermutlich getötet wird, hat der König noch eine alte Rechnung zu begleichen. Sein treuester Kritiker, der Prophet Elischa, ist auch in der Stadt. Immer wieder hat Elischa den selbstherrlichen Monarchen die Leviten gelesen, ihr Unrecht angeprangert und vor den Folgen gewarnt. Ihn sterben zu sehen, würde die Gefahr zwar nicht abwenden, aber dem König ein bisschen Genugtuung verschaffen. Und die Illusion aufrechterhalten, dass er ein mächtiger und tatkräftiger Mann ist – wenigstens noch ein paar Stunden lang.

Und ich, der fast 3.000 Jahre später davon liest, staune nicht schlecht über die Parallelen: Damals wie heute leiden die großen und kleinen Despoten unter einem Belagerungssyndrom. Alles, was ihnen nicht unterwürfig genug ist, deuten sie als Generalangriff und Majestätsbeleidigung. Kritik im Inneren wird, wenn der Druck von außen zunimmt, nur um so brutaler bekämpft. Und nicht selten versuchen diese Machthaber, ihre Racheakte und Rechtsbrüche religiös zu bemänteln. Sie benutzen Gott, um ihre Willkür zu legitimieren. Aber sie pfeifen auf sein Recht, das die Schwachen schützt.

Für den König von Israel ist Elischa, der ihm ständig widerspricht, ein Verräter. Doch Elischa ist erstens ein Prophet, und er kennt den König zweitens gut genug, um dessen Mordgedanken vorauszuahnen. Die Tür ist fest verbarrikadiert, als der König mit Leibgarde vor seinem Haus aufkreuzt. Er steht draußen – frustriert, dass er seinen Kontrahenten nicht zu fassen kriegt.

Und da entfährt ihm der vermutlich ehrlichste Satz seit Langem:

„Dieses Elend kommt vom Herrn. Was soll ich noch vom Herrn erwarten?“

Was soll ich noch vom Herrn erwarten? Das haben sich damals vermutlich alle in Samaria gefragt. Mit dieser Frage bin auch ich heute am ersten Advent garantiert nicht allein. Was kann ich von Gott erwarten angesichts der harschen, bitteren Realitäten im Advent 2025? Die ungelöste Klimakrise, die wackeligen Demokratien, die wachsende Armut und Ungleichheit, die Rückkehr des Faustrechts in die Weltpolitik – und von den persönlichen Krisen und Tragödien in meiner Umgebung haben wir noch gar nicht geredet. Hat Gott sich aus der Welt zurückgezogen und überlässt uns unserem mal mehr, aber oft auch weniger verdienten Schicksal? Wer kann sich ohne rosa Brille einen Advent – Gottes Ankunft in der Welt, dieser Welt – vorstellen?

Was kann ich von Gott erwarten? Wenn irgendwer auf diese Frage eine Antwort weiß, dann vermutlich der Prophet. Und tatsächlich hat Elischa dem König etwas zu sagen. Es kommt schroff und unverblümt heraus wie immer, wenn er spricht, aber diesmal sind es unverschämt gute Neuigkeiten:

Elischa entgegnete: Hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit kostet am Tor von Samaria ein Eimer Feinmehl nur noch einen Schekel und auch zwei Eimer Gerste kosten nur noch einen Schekel.
Der Adjutant, auf dessen Arm sich der König stützte, antwortete dem Gottesmann: Selbst wenn der Herr Schleusen am Himmel anbrächte, könnte das nicht geschehen. Elischa erwiderte: Du wirst es mit deinen eigenen Augen sehen, aber nicht davon essen.

Elischa ist doppelt belagert, von den Aramäern und seinem König. Trotzdem ist er wohl die einzige Person in der Stadt, die nicht am Belagerungssyndrom leidet. Der nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starrt oder blind um sich schlägt, wenn er nicht weiter weiß. Aber was er da von sich gibt, ist für den König und seine Offiziere einfach zu gut um wahr zu sein. Der Stabschef winkt ab. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist so ein vollmundiges Versprechen, das die Enttäuschung nur noch verschlimmern könnte, falls es nicht in Erfüllung geht. Besser den Ball flach halten…

Hier bricht das Gespräch zwischen König und Prophet ab. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu tun. Alle warten ab, was als nächstes geschieht. Und als es dann geschieht, bekommt es erst einmal niemand mit.

Vor dem Eingang des Stadttors saßen vier aussätzige Männer. Sie sagten zueinander: Warum sitzen wir hier, bis wir sterben? Wollten wir in die Stadt gehen, in der Hungersnot herrscht, dann sterben wir in ihr. Bleiben wir draußen, dann sterben wir auch. Kommt, wir gehen in das Lager der Aramäer hinüber! Wenn sie uns am Leben lassen, bleiben wir am Leben. Wenn sie uns töten, so sterben wir.

Draußen vor dem Tor, im Niemandsland zwischen Freund und Feind, sitzen die vier Aussätzigen. In der Stadt sind sie unerwünscht, weil die Leute drinnen Angst haben, sich anzustecken. Und weil manche finden, sie schaden dem Stadtbild. Hunger und Krieg treffen die Kranken, Schwachen und Fremden immer als erste und am härtesten. Aber bei den Vieren ist erstaunlich viel Lebenswille vorhanden. Und der Mut der Verzweiflung: Mehr als umbringen können sie uns nicht. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Aber einen letzten Versuch haben wir noch. Mit den letzten Sonnenstrahlen im Rücken wagen sie sich vorsichtig ans Heerlager heran. Schlafen die alle schon, oder warum ist es so ruhig? Nein, der Ort sieht verlassen aus. Und der Erzähler weiß auch warum: Die Aramäer hatten in der Dämmerung verdächtige Geräusche gehört und waren in Panik verfallen, weil sie dachten, die Ägypter oder eine andere benachbarte Großmacht käme dem König von Israel zu Hilfe. Hatte es alles schon gegeben. Also – nichts wie weg!

Als nun die Aussätzigen in den Bereich des Lagers kamen, gingen sie in ein Zelt, aßen und tranken, nahmen Silber, Gold und Kleider und entfernten sich, um die Beute zu verstecken. Dann kamen sie zurück, gingen in ein anderes Zelt, machten auch hier ihre Beute und entfernten sich wieder, um sie zu verstecken. Dann aber sagten sie zueinander: Wir handeln nicht recht. Heute ist ein Tag froher Botschaft. Wenn wir schweigen und bis zum Morgengrauen warten, trifft uns Schuld. Kommt also; wir gehen und melden es im Palast des Königs.

Nichts zu verlieren

Über Nacht werden die Aussätzigen zu den Hauptpersonen dieser Geschichte. Menschen, die eine infektiöse Hautkrankheit von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen hat. Sie halten sich in einer Art Quarantäne-WG unter freiem Himmel über Wasser. Abgeschoben an den Rand, ausgeschlossen vom sozialen Leben, ohne Perspektive auf Rückkehr. Die Gesunden machen einen Bogen um sie und tuscheln hinter ihrem Rücken: Die Krankheit sei bestimmt die Strafe für irgendeine böse Tat, man wisse nur nicht, was genau. In heutigen Kategorien hieße das: Chronisch krank, erwerbsunfähig, geduldet ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Gescheiterten, von denen niemand mehr etwas erwartet.

Die Szene erinnern mich an die Antihelden der Streaming-Serie „Slow Horses“. In dem schwarzhumorigen Spionagethriller nach der Buchvorlage von Mick Herron retten ein paar ausgemusterte Agenten des britischen MI5 ihr Land und die Welt vor Verbrechern und Terroristen. Und zwar gerade weil niemand mit den verkrachten Existenzen mehr rechnet. Mick Jagger hat mit Strange Game den Titelsong dazu geschrieben: „Losers“ und „Misfits“ nennt er die Slow Horses: Sonderlinge, die nirgendwo hineinpassen. Aber in diesem merkwürdigen Spiel haben sie die blutige Nase vorn.

Die Misfits von Samaria stehen auch mit einem Schlag im göttlichen Rampenlicht. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die über Leben und Tod all der Gesunden und Gesettelten entscheidet.

Verlierer und Abgeschriebene erinnern mich auch an Sätze aus dem Neuen Testament über Glaube und Nachfolge. An die Worte von Jesus, der sagt:

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. (Mt 16,25)

Paulus umschreibt das ein paar Jahre später in einem Brief und sagt sinngemäß: „Als Jesus damals gekreuzigt wurde, da bin ich, ohne dass ich es wusste, mitgestorben. Eigentlich bin das gar nicht mehr ich, der hier spricht und handelt. Sondern er – Christus.“ Und eben darin findet er die Freiheit, alle möglichen Gefahren und Strapazen auf sich zu nehmen, um von diesem Leben aus Gott zu erzählen. Das da erst richtig anfängt, wo man denkt, alles geht zu Ende. Manchmal spüre ich das auch: Wie ich am Ende meiner Kräfte, meiner Geduld oder meiner Weisheit nicht zusammenklappe und ins Bodenlose falle. Mit einem Mal ist da eine Kraft und ein Wille, der nicht aus mir selbst kommt. Egal, was ich gerade verliere, Gott hat mich nicht verlassen. Ein Freund erinnerte mich passend dazu diese Woche an den Satz von Kris Kristofferson: „Freedom’s just another word for nothing left to lose.“


Belagert im Kopf

Von ihrer aberwitzigen Entdeckung, dass niemand mehr da ist im feindlichen Lager und dass es dort genug zu essen und zu trinken gibt, wollen auch die Aussätzigen erzählen: Nach halb durchzechter Nacht und mit vollen Taschen und Bäuchen legen sie sich also nicht schlafen. Sie gehen zurück zur Stadt. Aber der König will ihre Wahrheit nicht hören. Er verbreitet eine andere.

Da schlugen die Wächter Lärm und man meldete es drinnen im Palast des Königs. Noch in der Nacht stand der König auf und sagte zu seinen Leuten: Ich will euch erklären, was die Aramäer gegen uns planen. Sie wissen, dass wir Hunger leiden, und haben das Lager nur verlassen, um sich auf dem freien Feld zu verstecken mit dem Hintergedanken: Wenn sie die Stadt verlassen, nehmen wir sie lebendig gefangen und dringen in die Stadt ein.

Auch das ist Advent: Da erscheint Gott auf der Bildfläche in Gestalt der vier Aussätzigen und bringt die ersehnte Hilfe, aber er bekommt kein fröhliches „Macht hoch die Tür“ zu hören. Stattdessen Rolladen runter, Misstrauen und Verschwörungserzählungen. Die Belagerung im Kopf ist noch in vollem Gange. Ich kenne das aus den Erzählungen der Kriegskinder vor 80 Jahren. Als die Amerikaner kamen, um den Frieden und das Recht wiederherzustellen, verschenkten sie auch Orangen und Schokolade. Nicht selten unkten die propagandahörigen Alten: „Geht bloß nicht hin. Die vergiften euch!“ Die Schwarzmaler, die jedes Geschenk für eine Falle halten, sitzen allzu oft selbst in der Falle – in der Falle ihrer Ängste und Albträume. Die Belagerung im Kopf ist immer noch da, als die äußere Belagerung schon längst vorbei ist.

In Samaria finden sie schließlich eine pragmatische Lösung: Ein paar schnelle Pferdegespanne werden zur Erkundung vorgeschickt. Als die Bestätigung eintrifft, dass die Feinde tatsächlich abgezogen sind, gibt es kein Halten mehr am Stadttor. Und weil der skeptische Stabschef des Königs nicht schnell genug Platz macht, rennt ihn die hungrige und aufgeregte Menge kurzerhand über den Haufen.

Im Advent 1986, vor fast 40 Jahren, habe ich in Amsterdam einen Gottesdienst besucht. Der ist mir seither nicht aus dem Sinn gegangen. Ein Pfingstprediger aus Amerika spricht über die Aussätzigen von Samaria. Davon, dass die Kirche sein könnte wie diese „Misfits“, diese Außenseiter, die einfach mal was riskieren. Aber damit nicht genug: Plötzlich redet er davon, dass der eiserne Vorhang in Kürze fallen wird und die Türen der Länder des damaligen Ostblocks offen stehen. Gott habe ihm das gezeigt.

Das ist der Punkt, wo ich innerlich aussteige. Ich bin als Kind ganz nah an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen. Bei jedem zweiten Sonntagsausflug war irgendwo das bedrohlich schwarze Band des Todesstreifens zu sehen. Der bange Blick auf Wachtürme, Minenfelder, Stacheldraht, Selbstschussanlagen. „Der weiß nicht, wie das ist“, denke ich. „Der hat das nur mal auf der Durchreise gesehen. Das geht nicht von heute auf morgen einfach weg.“

Drei Jahre später, im November 89, sitze ich sprachlos vor dem Fernseher. Jubelnde Menschen fluten den Checkpoint Charlie. Wie damals das Stadttor von Samaria, nur dass hier niemand im Weg steht. Es wird nicht geschossen, niemand wird daran gehindert, die Brücken und Mauern zu überqueren.

Der Prophet war wirklich einer! Er hatte Recht und ich, ich hab’s nicht kommen sehen. Mein Kopf und mein Herz waren belagert.

Ich finde, Samaria ist kein schlechtes Bild für unsere Gegenwart: Wir werden umzingelt von allerlei Feinden, die wir selbst stark gemacht haben.

Drinnen bei uns, den Belagerten, werden die Vorräte knapper und die Verteilungskämpfe härter. Vermeintlich starke Männer poltern wütend herum. Sündenböcke werden durchs Dorf getrieben. Und wenn jemand laut über Lösungen nachdenkt, ertönt der dumpfe Chor derer, die immer eine Falle wittern und sagen, die Schokolade ist bestimmt vergiftet.

Prophetische Vorstellungskraft

Was kann ich noch vom Herrn erwarten? Sehhilfen zum Beispiel: Prophetinnen und Propheten sind selten populär, aber es gibt immer wieder welche. Manchmal sind sie von Traumtänzern nur schwer zu unterscheiden. Jane Goodall zum Beispiel, die am 1. Oktober gestorben ist, sah etwas, was außer ihr niemand sah. Mit ihrem leidenschaftlichen und unermüdlichen Einsatz hat sie nicht nur zum Schutz von Gorillas und Schimpansen beigetragen, sondern vielen Menschen einen neuen Blick auf unsere Mitgeschöpfe ermöglicht – voller Wärme, Staunen und Respekt.

Im Zweifelsfall hilft zur Unterscheidung ein Blick auf einen anderen adventlichen Text, den prophetischen Lobgesang der Maria:

Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. (Lukas 1,52-53)

Wer den Mächtigen nach dem Mund redet und die Niedrigen verachtet, ist garantiert kein Prophet. Echte Propheten erinnern uns daran, dass Gottes Uhr gegen die Despoten und Diktatoren läuft. Vor gerade mal einem Jahr brach die Gewaltherrschaft von Baschar al-Assad in Syrien zusammen. Kaum jemand hatte damit gerechnet. Es ist auch noch lange nicht alles gut. Aber der Schlächter ist weg. Warum vergesse ich das immer wieder so schnell?

Wie komme ich Gott auf die Spur? Am ehesten, wenn ich bei denen nachsehe, die zwischen allen Stühlen sitzen. Bei den Aussätzigen von Samaria, bei den Hirten von Bethlehem, bei der jungen Familie im Stall. Es gibt keine Garantie und es kann eine Weile dauern.

Aber was habe ich schon zu verlieren? Ich könnte ja einfach mal hingehen und nachsehen.

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Der Fluchtrucksack

Ich brauche einen neuen Rucksack. Also – erst mal die Tests in Outdoor-Magazinen lesen. Dabei stolpere ich über eine seltsame Überschrift: „Was gehört in einen Fluchtrucksack?“. 

Ich will ja nur Wandern, nicht flüchten. Trotzdem, meine Neugier ist geweckt: Wozu soll das gut sein? Es gehe darum, heißt es da, auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein. Und für den Fall, dass ich meine Wohnung Knall auf Fall verlassen muss, brauche ich Nahrung, Wasserfilter, Kleidung, Licht, Verbandszeug – solche Sachen.

Naja, denke ich mir. Unwahrscheinlich, dass ich das in absehbarer Zeit brauche. Jahaa, sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf, das haben schon viele gedacht. Das ist ja das Problem mit dem Unvorhersehbaren: Man sieht es nicht kommen. 

Vielleicht sollte ich tatsächlich einen Fluchtrucksack packen, denke ich mir. Als dauerhafte Erinnerung daran, dass der Unterschied zwischen mir und den vielen Menschen, die irgendwo aus dem Rucksack oder Koffer leben, nur etwas Unvorhersehbares ist.

Ein paar Tage später stehe ich in der Outdoor-Abteilung eines großen Sportgeschäfts. Neben mir unterhalten sich eine Verkäuferin und eine Kundin: Wie groß soll der Rucksack denn sein, fragt die Verkäuferin. Die Kundin weiß es nicht genau. Und dann sagt sie, zu meiner größten Überraschung, dass sie einen Notrucksack packen möchte. Damit er griffbereit ist, wenn etwas passieren sollte.

Was genau das ist, das sagt sie nicht. Aber sie empfindet offenbar ein latentes Unbehagen. Die Verkäuferin sagt nachdenklich, sie hätte noch keinen Fluchtrucksack. Aber ich frage mich, ob nicht viel mehr Menschen im Stillen dieses Unbehagen auch spüren.

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Jesus und die Eichhörnchen

Bis in den Frühsommer hinein waren die Futtersäulen an unserem Eibisch und der Felsenbirne immer prall gefüllt. Für die Vögel: Meisen, Rotkehlchen und Eichelhäher fanden sich ein; und im ihrem Gefolge  eine wachsende Anzahl Spatzen und Tauben. Meine Frau musste immer öfter nachfüllen. Auch deshalb, weil neben all den gefiederten Gästen die Eichhörnchen aus der Nachbarschaft den Futterplatz entdeckt haben. Akrobatisch schaukeln sie mit den Hinterbeinen an einem Ast und angeln mit den Vorderpfoten die Kerne aus dem kleinen Loch am unteren Rand des Behälters. Sie stopfen sich genüsslich den Mund voll und verschwinden mit ihrer Beute. Ab und zu werfen sie uns einen neugierigen Blick aus ihren Knopfaugen zu oder wackeln mit dem buschigen Schwanz. 

Wir haben die Futterperiode verlängert, weil im Frühjahr alle ihre Jungen versorgen müssen. Vielleicht bleibt es uns auch deshalb so gut im Gedächtnis, als wir lesen, dass Eichhörnchen ein ganz bemerkenswertes Verhalten an den Tag legen: Wenn ein Eichhörnchen unbeaufsichtigte Junge in einem anderen Nest findet, beobachtet es den Ort eine Weile lang. Zeigt sich länger kein Elterntier, holt das Eichhörnchen die Waisen zu sich und zieht sie mit den eigenen Jungen zusammen auf. Das ist eine kleine Besonderheit im Tierreich, die zeigt: Eichhörnchen können mitfühlen mit ihren Artgenossen. Und sie sorgen für die, die sich selbst nicht helfen können. Seither, liebe Hörerinnen und Hörer, habe ich die niedlichen Geschöpfe noch viel mehr ins Herz geschlossen.

Das biblische Wort für dieses Mitgefühl ist „Barmherzigkeit“. Die Not und das Leid anderer geht mir „an die Nieren“. Aber es bleibt nicht bei einer emotionalen Betroffenheit. Ich tue, was ich kann, um dem oder der anderen zu helfen. 

Not, die an die Nieren geht

Zusammen mit Juden und Muslimen beschreiben wir Christen Gott als den Barmherzigen. Da sind wir uns an einem ganz zentralen Punkt alle einig. Wenn wir von dem barmherzigen Gott reden, dann sagen wir: Gott geht es an die Nieren, wenn Menschen in Not geraten. Ob sie das selbst verschuldet haben oder nicht, spielt dabei keine große Rolle. Wenn unsere Kinder schmerzhafte Fehler machen, leiden wir menschlichen Mütter und Väter ja auch unwillkürlich mit. Den wenigsten gelingt es, sich aus dem Schlamassel herauszuhalten. Und genau darin sind wir, zusammen mit den Eichhörnchen, Gott ähnlich.

„Gut so!“ würde wohl Jesus dazu sagen. Es ist gut für die Welt, dass Gott das oft unermessliche Leid seiner Menschenkinder nicht kalt lächelnd geschehen lässt. Gut, dass er sich einmischt und eine Bewegung der Liebe und Barmherzigkeit in der Welt in Gang gesetzt hat. Und selbst wenn die manchmal deprimierend schwach und klein daherkommt angesichts der gigantischen Zerstörung auf unserem Planeten – sie ist auch 2000 Jahre später noch ziemlich lebendig. Sie fängt mit Jesus selbst an, aber sie bleibt da nicht stehen. 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Gleich zu Beginn ihres gemeinsamen Weges sagt Jesus das zu seinen Nachfolger:innen. So erzählt es der Evangelist Lukas. 

Es hängt nicht an der Sprache, nicht am Intellekt, nicht an der Fähigkeit, sich der Welt zu bemächtigen. Dass ich Gott ähnlich bin, zeigt sich darin, dass ich andere in ihrem Schmerz und ihrer Verwundbarkeit wahrnehme. Dass ich mich berühren lasse von ihrem Schicksal und mir eingestehe, dass es mich etwas angeht. Dass ich sie nicht als lästige Bittsteller und Sozialfälle abstempele, für die ich nicht zuständig bin. Ich gehe nicht auf Distanz, sondern bleibe an ihrer Seite.

Anders gesagt: Schmerz, Not und Bedürftigkeit trennen uns nicht, sie verbinden uns. Es kann jeder und jedem passieren. Und allen tut es gut, wenn dann jemand da ist und Anteil nimmt. Wie die Sisters of Mercy aus dem gleichnamigen Lied: „Die barmherzigen Schwesternwarten auf dich, wenn du glaubst, dass du nicht mehr weiter kannst. Sie schenken Trost und ein Lied wie dieses hier. 

Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit entsteht aus Empathie, aus Mitfühlen und Betroffenheit. Ich lasse zu, dass mir etwas an die Nieren geht. Das ist wichtig. Das Gefühl muss dann aber auch einen praktischen Ausdruck finden – geduldiges Dasein und anerkennendes Zuhören, das tröstende und aufmunternde Wort, ein Taschentuch, ein Stück Schokolade oder noch viel handfestere Formen von Hilfe. Und oft müssen da viele zusammenhelfen. Wenn vor mir auf der Straße jemand stürzt, kann ich der Person auf die Beine helfen. Vielleicht braucht sie aber auch einen Arzt, dann kann ich sie dahin begleiten. Sobald aber ein größeres Unglück passiert, braucht es Organisationen und Netzwerke, die helfen. Viele einzelne, die koordiniert anpacken. Erdbebenhilfe, Seenotrettung, Pflegeheime, Kliniken. Persönliches und gemeinschaftliches Handeln lässt sich kaum voneinander trennen. Und selbstverständlich ist es auch ein Akt der Barmherzigkeit, wenn wir verhindern, dass Menschen und Mitgeschöpfe überhaupt in Not geraten. 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Im Matthäusevangelium liest sich das ein bisschen anders, da steht: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Ein Satz, bei dem ich mich immer etwas beklommen gefühlt habe, wenn ich ihn las. Dass Gott vollkommen ist – geschenkt. Aber ich kleiner Mensch mit meinen Macken bin meilenweit entfernt von jeglicher Vollkommenheit. Deshalb klingt diese Erwartung in meinen Ohren überzogen, unerfüllbar – und letztlich auch unbarmherzig.

Doch jetzt sehe ich: Für Jesus sind Barmherzigkeit und Vollkommenheit ein und dasselbe. Vollkommen zu sein, bedeutet einfach nur, barmherzig zu sein. Da geht es gar nicht um irgendeine Art von Perfektion oder Höchstleistung. Sondern darum, dass ich großzügig über die Unvollkommenheit anderer hinwegsehe, ihnen ihre Fehler nicht ständig unter die Nase reibe, und mit unserer mächtig ramponierten Welt behutsam und fürsorglich umgehe. Und dabei – das gehört unbedingt dazu – auch barmherzig mit mir selbst bin. Mich nicht immer weiter reinstresse, wenn ich längst schon spüre, dass ich nicht mehr kann. Ich bin nicht Gott. Ich werde müde und meine Kraft ist endlich. 

In einem Meditationskurs hat unser Kursleiter nach fast jeder Anweisung immer noch gesagt: „So gut’s grad geht.“ Ich habe das Jahre später immer noch im Ohr: „So gut’s grad geht.“ Es hilft mir. Ich darf barmherzig sein – so gut’s grad geht.

Heilsame Tränen

Kürzlich war ich mit einer Gruppe von Aktivist:innen zusammen, die sich für Klimagerechtigkeit engagierten. Eine lebenswerte Welt für alle Menschen, besonders für die Armen bei uns und im globalen Süden, die sich (anders als die Reichen) kein Hitzefrei nehmen oder an andere Orte umziehen können. Leute, die sich berühren lassen von dem millionenfachen Leid, das die Plünderung des Planeten schon mit sich gebracht hat und noch bringt. Sie haben sich eingesetzt und große Opfer gebracht. Zeit und Kraft sind in Aktionen und Projekte geflossen. Der Idealismus war riesig. 

Aber statt dass die Dinge sich zum Guten wenden, haben sich die Krisen verschärft. Vieles, was sie den Regierungen mit immenser Mühe abgerungen haben, wird gerade wieder über den Haufen geworfen. Etliche erzählen an diesem Tag, wie sie an einen Punkt kamen, an dem nichts mehr ging. Und immer wieder fließen Tränen. Ich sitze ganz still da und spüre, wie sich der Schmerz der anderen mit meinem eigenen verbindet. Und wie nah wir einander sind, obwohl wir uns kaum kennen.

Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam – in der Mittagspause am gleichen Tag lese ich ein Gedicht von Rumi, dem großen persischen Weisen. Das tut mir gut: 

Es schießt das Kraut, wo immer Bäche fließen, -
Erbarmen sprießt, wo Tränen sich ergießen.
Dem Wasserrade gleich, im Tränentau
Klage, bis frisch ergrünt der Seele Au!
Weinende tröste, wenn du Tränen liebst,
Denn Gnade wird dir, wenn du Gnade übst. 

Tränen und Traurigkeit zulassen. Bei mir selbst und bei anderen. Im Weinen erholt sich die Seele. Der Tau der Tränen, sagt Rumi, benetzt sie. Wie eine Wiese in einem schattigen Tal wird sie wieder grün und fruchtbar. Erbarmen sprießt aus dem befeuchteten Boden. Mir hilft diese wunderschöne Beschreibung zu verstehen: Wenn ich keine Angst vor den eigenen Tränen habe, kann ich auch andere trösten. Wer Trost spendet, der wird auch Trost finden, wenn er ihn braucht. Erbarmen sprießt, wo Tränen sich ergießen, sagt Rumi. Und Jesus: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Trösten und Barmherzigkeit sind keine Einbahnstraße. Wenn ich sie finden will, muss ich auch bereit sein, sie anderen zu schenken. Diese Wechselseitigkeit spielt bei Jesus eine entscheidende Rolle. 

„Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“ (Lukas 6,37-38)

Kompromisslose Güte

Du hast die Wahl, scheint Jesus zu sagen: Wenn Du Menschen abstempelst, sie vor anderen schlecht machst und ihnen ihre Fehler und Versäumnisse unablässig unter die Nase reibst, dann musst du damit rechnen, dass es dir früher oder später genauso ergeht. Wenn du dagegen großzügig bist, wenn du das Gute in anderen siehst und auf ihren Unzulänglichkeiten nicht herumreitest, dann werden andere, ja dann wird Gott selbst diesen wohlwollenden Maßstab auch bei dir anlegen. 

Entweder funktioniert die Welt im tiefsten Inneren nach dem Prinzip der Barmherzigkeit. Oder es gewinnt der Stärkere, Skrupellosere und Abgestumpftere. Ich entscheide, auf welche Seite ich mich stelle und welches Prinzip in meiner Welt gilt. Gott hat sich für die Barmherzigkeit  entschieden. Jetzt sind wir dran.

Das klingt alles ziemlich krass und kompromisslos, wie Jesus das sagt. Für Jesus ist klar, dass die Initiative von Gott ausgeht. Aber sie darf da nicht stehenbleiben. Sie ist als Kettenreaktion gedacht, die Kreise zieht. Und ja, natürlich kann ich nicht mit allen Menschen auf einmal weinen und trauern, nicht alle gleichzeitig schützen, unterstützen und verarzten. Aber das darf andererseits nicht dahin führen, dass ich meine, mir kein Mitgefühl mehr leisten zu können.

Ich kann in diese Frage offenbar nicht neutral bleiben. Denn Gleichgültigkeit ist für die Opfer von Unrecht und Gewalt genauso schlimm wie der Mutwille und die Aggression der Ausbeuter und Unterdrücker. Martin Luther King schrieb einmal, dass er das Schweigen der Freunde noch viel schlimmer fand als den Hass der Feinde. Das ist auch heute für viele Helfer:innen und Aktivist:innen so. Immer mehr Menschen verhalten sich immer gleichgültiger. Und die Zahl derer, die sich reinhängen und verantwortlich fühlen, geht zurück. Das tut weh und raubt vielen die Kraft.

Die Insel der Unseligen

Vor drei Wochen war ich, eher zufällig, an einem der Drehorte von „The Banshees of Inisherin“. Den Film, der für 9 Oscars nominiert wurde, spielt im Jahr 1923 auf einer Insel vor der Küste Irlands. Während auf dem „Festland“ gegenüber noch der Bürgerkrieg tobt, sind die Insulaner sehr darauf bedacht, sich herauszuhalten. Das Leid ihrer Landsleute sehen sie lieber aus der Ferne. Auch die beiden unzertrennlichen Freunde Pádraic und Colm. Abend für Abend sitzen sie im Pub, trinken einträchtig ihr Bier und schauen, Irland im Rücken, auf den Ozean hinaus.

Keem Beach, Acaill Island, Co. Mayo, Irland

Aber dann zerbricht die Freundschaft aus heiterem Himmel. Colm zieht sich komplett zurück und Pádraic versteht die Welt nicht mehr. Das Beziehungsdrama eskaliert in immer groteskeren, verstörenderen Szenen. Freunde und Verwandte sind ratlos. Was ist geschehen?

Auf Inisherin spielt sich eine Art Bruderkrieg ab. Pádraic ist so verletzt, dass er Colm keine Ruhe lässt. Und Colm versucht, sich Pádraic mit allen Mitteln vom Leib zu halten. Vom Festland weht unterdessen der Wind den Kanonendonner und Rauch eines anderen Bruderkrieges übers Meer herüber. Mit dieser Gegenüberstellung stellt der Film die Frage: Ist es überhaupt möglich, sich von den Konflikten der Welt abzukoppeln? Oder fressen sich die verdrängten Spannungen schließlich und auf absurdeste Weise in die abgeschirmte Idylle hinein und zersetzen sie von innen heraus? Inseln der Seligen im Ozean der Tränen zu bewohnen, das könnte mit allerhand versteckten Kosten verbunden sein.

Umstrittene Tugend

Vor ein paar Wochen hat Elon Musk mit einer Aussage großes Aufsehen erregt. Da bezeichnet er Empathie, Mitgefühl, als Schwäche, als eine Art Programmierfehler unserer Kultur. Sie drohe, sagt er, selbstmörderisch zu werden für die westliche Zivilisation. Damals war er schon längst dabei, die staatliche Entwicklungs- und Katastrophenhilfe für arme Länder gnadenlos einzustampfen. Er ließ es freilich so klingen, als seien die USA insgesamt am Rande eines lebensbedrohlichen Burnouts, weil sie sich im Einsatz für andere total verausgabt hätten. Sie müssten sich jetzt erst mal um sich selber kümmern. Das stellt die wahren Verhältnisse auf den Kopf. Gerade bei den Superreichen wäre genug Geld da, um das Leben und die Zukunftsaussichten der Armen im eigenen Land wie auch in anderen Weltregionen sofort zu verbessern. Verrückt: Die stärkste Volkswirtschaft der Welt verabschiedet sich aus der Verantwortung für Schwächere und behauptet, das sei Notwehr.

Musk behauptet, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft würden ausgenutzt. Wie viele andere Rechte unterstellt er den Bedürftigen Faulheit, Gier und Unverschämtheit. Sie sind für ihn Parasiten. Und er erweckt den Eindruck, man müsse die Anständigen (sprich: die Wohlhabenden) vor dieser Bedrohung schützen. Barmherzigkeit droht zum Schimpfwort zu werden im Zeitalter der unverblümten Machtpolitik, des Narzissmus und der dominanten Männlichkeit. Als würde ich die eigene Leute verraten, wenn ich anderen gegenüber barmherzig bin.  

Der Opfer-Trick
Das ist natürlich eine astreine Täter-Opfer-Umkehr:

„Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Lukas 6,41-42)

Ich hatte diese Worte von Jesus bisher immer nur als Anweisung verstanden, in persönlichen Konflikten erst mal vor der eigenen Tür kehren. Nicht mit zweierlei Maß zu messen, und nicht an anderen herumzudoktern, ohne mir meiner eigenen blinden Flecke bewusst zu werden. Aber das sind ja alles Peanuts im Vergleich zu der Dreistigkeit, mit der Menschen ihr unbarmherziges Verhalten anderen gegenüber rechtfertigen. Wie sie irgendetwas suchen, das sie an ihnen aussetzen können, irgendeinen Splitter, um jeden Anspruch auf menschenwürdige Behandlung dann abzulehnen. Geflüchtete, so raunen die einen, ließen sich auf unsere Kosten das Gebiss teuer sanieren. Bürgergeldempfänger:innen, behaupten andere, lachen sich ins Fäustchen, während sie gemütlich in der (Achtung: Unwort!) „sozialen Hängematte“ schaukeln. Solche böswilligen Verdrehungen machen mich traurig und wütend. 

Und dann fallen mir die Eichhörnchen wieder ein, und ich denke: Wie gut, dass es dieses positive Beispiel gibt!

Eichhörnchen beherrschen den Perspektivwechsel. Sie versetzen sich in die Lage anderer hinein. Damit sind sie zum Beispiel auch in der Lage, ihre Artgenossen auszutricksen. Manchmal tun sie unter den Augen der anderen so, als würden sie Futter an einem bestimmten Ort verbuddeln. In Wahrheit warten sie, bis sie unbeobachtet sind, und verstecken ihren Vorrat woanders. Aber wenn Barmherzigkeit gegenüber fremdem Jungtieren gefragt ist, gibt es keine Tricksereien, kein Vortäuschen falscher Tatsachen, keine Klage über die Zumutungen, die das mit sich bringt. Dann kümmern sie sich, ohne Wenn und Aber.

Wir müssen uns wohl oder übel darauf einstellen, dass Barmherzigkeit immer öfter nicht nur als naiv, sondern als störend und ärgerlich empfunden wird. Darauf, dass nicht nur das Helfen Kraft kostet, sondern dass wir uns dafür auch noch mühsam rechtfertigen und verteidigen müssen. Die Versuchung, sich neutral zu verhalten und sich in achselzuckende Gleichgültigkeit zu flüchten, nimmt zu. Viel wird davon abhängen, ob junge Menschen echte Barmherzigkeit bei anderen erleben und sich ein Beispiel an ihnen nehmen. Und sich dann auf die Seite von Jesus schlagen. Und die der Eichhörnchen.

Lass dich von der Barmherzigkeit leiten – Let Mercy Lead. Das singt der Musiker Rich Mullins für ein kleines Kind. Und ich wünsche mir das für jedes Kind: Die heilsame Kraft der Barmherzigkeit soll dir begegnen. Sie soll dir richtig Lust darauf machen, dich dieser Bewegung anzuschließen, die Gott in die Welt gebracht hat. Weder durch Enttäuschungen noch Einschüchterungen sollen dich aufhalten. Pack‘ fröhlich überall da an, wo es nötig ist. So gut’s grad geht. Let Mercy Lead – folge der Spur der Barmherzigkeit.

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Wenn nur was käme und mich mitnähme

Foto von Juan Pablo Mascanfroni auf Unsplash

Ab und zu komme ich am Nürnberger Flughafen vorbei. An beiden Enden der Start- und Landebahn verläuft ein Zaun. Oft – fast immer – parken da Autos. Leute sitzen drin und schauen aufs Handy oder in die Gegend, bis wieder ein Flieger abhebt oder landet. 

Ich könnte mir jetzt lauschigere Plätzchen vorstellen als den Flughafenzaun, aber er scheint viele magisch anzuziehen. Treibt das Fernweh sie her, die Sehnsucht nach der großen weiten Welt? Weckt der Kerosingeruch wohlige Erinnerungen an den letzten Urlaub? Und spielt das Autoradio „Über den Wolken“, während die Wärme über der Rollbahn flimmert? Oder doch eher „Take Me on Your Mighty Wings“ aus dem Soundtrack von Top Gun?

Vielleicht braucht man das manchmal. Diese Vorstellung: Ich könnte jederzeit weg von hier. Ein großer Vogel nimmt mich mit und alles, was mich stresst, bleibt da. Eskapismus (die Flucht aus der Wirklichkeit in die Phantasie) ist auch gar nichts Neues. In Friedrich Rückerts Gedicht „Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen“ hießt es wieder und immer wieder: „Wenn nur was käme und mich mitnähme!“

Die Menschen zu biblischen Zeiten kannten das Gefühl erdrückender Enge auch. Aber mir scheint, dass sie sich in solchen Situationen nicht wegträumten – jedenfalls nicht alle. In den Psalmen heißt es über Gott: „ Er führte mich hinaus in die Weite (…), denn er hatte mich lieb!“ Es gibt ja solche Begegnungen und Beziehungen, in denen ich Freiheit und Klarheit finde.

Raus aus der Enge und dem Druck – das geht auch ganz ohne Flughafen.

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Fröhlich währt am längsten

(Evangelische Morgenfeier vom 30. März 2025 – hier geht’s zur Hörfassung)

Das meiste haben wir schon hinter uns.

Genau drei Wochen sind es ab heute noch bis Ostern. Der größere Teil der Passions- und Fastenzeit ist geschafft. In diesem Jahr überschneidet sie sich mit dem Fastenmonat Ramadan. Der geht morgen zu Ende. Wir Christen feiern heute erst mal eine Art „Bergfest“. 

Fast vorbei das Fasten. Fast vorbei das freiwillige Verzichten in allen möglichen Formen. Es geht dabei nicht um heldenhafte Anstrengung. Niemand, den ich kenne, fastet zwischen Aschermittwoch und Ostern in dem Sinne, dass sie oder er auf jede Nahrung verzichtet. So etwas geht vielleicht mal für ein paar Tage, wenn man den normalen Alltag noch bewältigen muss.

Aber viele verzichten auf einen bestimmten Genuss: Schokolade, Fleisch, Rauchen, Soziale Medien, Netflix – solche Dinge. Meine Frau fastet diesmal Alkohol, und weil es alleine weniger als halb so schön ist, ein Feierabendbier zu trinken, mache ich mit. Am Sonntag, also heute, unterbrechen wir das Fasten. So sieht es schon die alte christliche Regel vor. Da gönnen wir uns dann ein Glas Wein. Und was soll ich sagen – letzten Sonntag haben wir beide zusammen beim ersten Schluck festgestellt: Der Wein schmeckt intensiver, gerade weil er nicht alltäglich ist. Auch Genießen kann sich offenbar abnützen.

Verliebt ins Leiden?

Fasten wäre also missverstanden, wenn wir so eine Art religiösen Hungerstreik draus machen würden. Es geht gerade nicht darum, möglichst elend daherzukommen, damit Gott etwa Mitleid mit mir bekommt oder beeindruckt ist von meiner Härte gegen mich selbst und mich entsprechend belohnt. Nein, der Lohn des Fastens, wenn es einen gibt, der liegt im Fasten selber: Ich stelle fest, es geht auch ohne. Und nicht einmal schlecht. Und auf einmal ist da auch mehr Platz für einen anderen Hunger, den Hunger nach Gott und das Mitfühlen mit anderen Menschen.

Mitfühlen ist wichtig. Und dran. Statt Fastenzeit sagen wir Evangelischen zu diesen sieben Wochen vor Ostern: Passionszeit. Die Leidensgeschichte Gottes mit seiner Welt rückt ins Zentrum. Der Leidensweg von Jesus. Wir lesen die Geschichten von Jesus, der klammheimliche, aber auch wütende Ablehnung erlebt – wie viele Menschen vor und nach ihm. Ein aufgebrachter Mob wünscht ihm den Tod an des Hals, er wird verhaftet, misshandelt, er erlebt einen unfairen Prozess und wird brutal hingerichtet. Fast alle seine Leuten verlassen ihn. 

Die Geschichten vom leidenden Christus sind und bleiben eine Zumutung. Ebenso wie die Geschichten, die mich über die Nachrichten erreichen: Krieg, Ausbeutung, Hass, Gewalt. Und natürlich auch die Schicksalsschläge in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Manchmal habe ich das Gefühl, gleich erdrückt mich das alles. Es schnürt mir die Luft ab und raubt mir die Kraft.

Dann will ich mich daran erinnern lassen: Gott steht nicht abseits und sieht ungerührt zu, wie Menschen leiden und trauern. Gott ist denen nahe, die ein zerbrochenes Herz haben – so heißt es in der Bibel. Der Schmerz aller Lebewesen geht ihm zu Herzen, auch mein ganz persönlicher. In Jesus stellt er sich unmissverständlich auf die Seite der Opfer. Ich glaube, wenn das nicht wäre, wäre die Welt wirklich zum Verzweifeln.

In diesem Jahr spüre ich aber auch noch ein anderes Bedürfnis. Ich will mich nicht überwältigen lassen von all dem, was entsetzlich ist. Das ist ein bisschen wie das eine Glas Wein am Sonntagabend: Es sorgt dafür, dass das Fasten keine griesgrämige Geschichte wird. Ich brauche zwischendurch schöne und fröhliche Momente. Nichts Großes und Aufwändiges. Aber genug, um alle eigene und mitempfundene Traurigkeit, Sorge und Ohnmachtsgefühle für eine Weile etwas aufzuhellen und zu lindern. In der Hoffnung, dass ich dann wieder in der Lage bin, dem Bedrückenden nicht auszuweichen und es nicht zu verdrängen. Und ganz offensichtlich bin ich mit diesem Wunsch nicht allein. Lange vor mir haben andere das auch schon gespürt.  Und deshalb haben sie diesen Bergfest-Sonntag „Laetare“ genannt. Das ist Lateinisch – auf Deutsch heißt es: „Freut euch“. 

Und was könnte der Freude besser auf die Sprünge helfen als fröhliche Musik? Die Musiker:innen um Amy Grant haben mit einer alten Melodie ein bisschen gespielt. Es wird schwer, die Füße stillzuhalten. Riverdance meets Johann Sebastian Bach: „Jesu bleibet meine Freude“. 


Das Bankett auf der Baustelle

Das Buch Nehemia in der Bibel erzählt von der Rückkehr der Juden in das zerstörte Jerusalem vor zweieinhalbtausend Jahren. Vielleicht geht es heute in Gaza, in Aleppo oder Odessa ganz ähnlich zu. Die Leute machen sich mit dem wenigen, was sie haben, an den Wiederaufbau. Manchmal geht es nur schleppend voran, aber dann endlich steht die Stadtmauer wieder. Und bevor in ihrem Schutz die Wohnhäuser drankommen, feiern sie – ein Bergfest. Der Priester Esra sagt zu den Israeliten: 

„Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Nehemia 8,10)

Anschließend wird eine ganze Woche gefeiert. Bis die Strapazen der vorangegangenen Wochen nicht mehr allen in den Knochen stecken und die Köpfe so weit frei sind, dass alle Bewohner Jerusalems wieder über das hinausschauen, was alles noch fehlt und was jetzt sofort und unbedingt getan werden muss. Nach dieser Woche geht es wieder weiter. Es ist noch einmal ein Kraftakt, der auf Esra & Co zukommt. Sie werden die Ärmel hochkrempeln, Balken und Steine schleppen und abends kaputt ins Bett fallen. Tag für Tag, Woche für Woche.

Ich frage mich, wie das damals wohl ankam. Vielleicht waren einige dabei, die – so wie ich ab und zu auch – die Arbeit nicht unterbrechen wollen. Lieber durchziehen. Zähne zusammenbeißen und weiter. Auch wenn’s auf Kosten der guten Stimmung oder der Gesundheit geht. Bestimmt haben einige gesagt: Feiern können wir, wenn wir fertig sind, wenn alles gut ist. Wenn unsere Familien wieder alle ein Dach über dem Kopf haben, wenn die Gärten wieder angelegt sind, wenn es auf dem Markt wieder etwas zu kaufen gibt. Wir wollen keine kostbare Zeit verlieren. 

Esra ist der Meinung: Das können wir uns nicht leisten. Nicht feiern können wir uns nicht leisten. Natürlich ist noch nicht alles gut und fertig. Aber wenn wir uns nicht mehr an dem freuen, was schon jetzt gut und schön ist, dann geht uns irgendwann die Puste aus. Auch wenn bloß der erste Bauabschnitt fertig ist und das Ergebnis nicht besonders beeindruckend. Aber das ist ja auch gar nicht der Grund für das festliche Essen, Musik und Gesang. Nicht die Freude am Erfolg ist die Kraftquelle, aus der ich schöpfen kann. Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Vergesst die nicht vor lauter Durchhalten und Schuften. 

Zu Gast bei Feinden

Das Fest im Rohbau erinnert mich an ein Gespräch vor einigen Jahren. In der Zeit hatte es uns  familiär ziemlich gebeutelt und dann kommen auch in der Arbeit Enttäuschungen und Konflikte dazu. Alles ist mit allem ungut verknotet. Ich wache mitten in der Nacht auf und fange an, Probleme zu wälzen. Also habe ich mir ein paar Tage Auszeit genommen. Aber auch das scheint erst mal nicht zu helfen. Die Stimmen von Streit und Kritik, Sorge und Zweifel stecken mir immer noch im Kopf. Ich kann sie nicht abschütteln oder stumm schalten. Im Gegenteil – wenn weder Arbeit noch Zerstreuung mich ablenken, werden sie erst richtig laut. Und dann dieses Gespräch. Mein geistlicher Begleiter fragt, wie es mir geht. Ich sage: „Ich fühle mich gerade wie im 23. Psalm – der Herr ist mein Hirte –, wo es heißt: Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Mein Gegenüber lächelt und sagt: „Dann lade sie doch ein!“

Ich bin erst einmal sprachlos. Aber dann … – klar: Einladen. Kommt, setzt euch. Das hier ist ein sicherer Ort mit genug Platz für uns alle. Ich muss die Feinde, das Ungelöste nicht erst verjagen, um Gottes Nähe zu spüren. Die Sturköpfe und Nervensägen, die mich so viel Kraft gekostet haben, tauchen immer noch in meinen Gedanken auf. Aber jetzt fange ich nicht mehr an, in Gedanken mit ihnen zu diskutieren – mich zu rechtfertigen, ihnen Vorwürfe zu machen oder zu verhandeln. Stattdessen denke ich: „Oh, du bist auch da. Nimm Platz. Hier ist es schön. Sei ein bisschen still mit mir. Vielleicht möchtest du dich auch an Gott freuen.“ Und dann fühlt es sich an, als würden diese Schatten schrumpfen und alles Bedrohliche verlieren. Nach und nach verstehe ich, was ich jetzt tun kann. Ich finde den Weg aus der Krise. Raus aus der dunklen Nacht der Seele.

Von dieser „Dark Night of the Soul“ singt die Folkpoetin Eliza Gilkyson. Ich finde, wie sie das tut, klingt alles andere als bedrückend oder düster. Sie verharmlost nichts, sie spielt nichts herunter. Sie nimmt ernst, was ist – dass die Welt Kopf steht. 

„Lass dein Licht brennen,“ singt sie, „und gelobe, dass du weiterkämpfst in der dunklen Nacht der Seele. Hör’ nicht auf zu tanzen und zu singen. Lass die Glocken der Freiheit erklingen, bis die Mauern einstürzen.“ 

Ich weiß nicht, ob Eliza ein religiöser Mensch ist. Auf jeden Fall hat sie hat den Titel ihres Songs aus der christlichen Mystik geborgt. Und ich erkenne eine ganze Reihe von biblischen Motiven in ihrem Text: Jesus, der in der Bergpredigt sagt: Lasst euer Licht leuchten. Oder die mächtigen Mauern von Jericho, die Gott urplötzlich zerbröseln lässt. 

Nur noch Angst, Wut und Triumph?

Eliza Gilkyson hat „Dark Night of the Soul“ erst im Februar veröffentlicht. Zwischen den Zeilen höre ich die kritische Situation in den USA heraus – die Demontage von Rechtsstaat und Demokratie, deren Schockwellen auch uns erschüttern und mächtig auf die Stimmung drücken. Ein Kommentator zitierte kürzlich aus George Orwells düsterem Klassiker „1984“ den Chefindoktrinator, der sagt, dass es keine anderen Gefühle als Angst, Wut und Triumph mehr geben soll. Wenn ich auf die letzten paar Wochen zurückblicke, dann scheint diese Strategie zu wirken. Angst, Wut und Triumph sind unglaublich ansteckend. Und wo sie herrschen, da wird das Leben zur Hölle.

Ich will in diesen Zeiten nicht aufhören zu singen, zu tanzen und zu feiern. Mich erinnern: Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Denn sonst hätten die Feinde, die „Hater“, von denen Gilkyson auch singt, schon gewonnen. Ich möchte noch viel besser darin werden, das Gute und Schöne zu hegen und zu pflegen, wo immer es mir begegnet. In mir selbst und um mich herum. Damit es an möglichst vielen Stellen die Zerstörungen überdauert, die wir gerade erleben. Ich brauche keine Fröhlichkeit, die davon lebt, dass sie das Schwere ausblenden muss. Ich brauche eine Fröhlichkeit, die alles im Licht einer noch viel größeren Liebe und Güte sieht.

Freude finden – Freude schenken

Gut unterwegs in schweren Zeiten, das trifft auch Madeleine Delbrêl zu. Für alle, die sie nicht kennen: Madeleine lebte im frühen 20. Jahrhundert in Frankreich. In jungen Jahren gewann sie mit einem Gedichtband einen Literaturpreis. Man merkt das ihren Gebeten und Tagebucheinträgen immer noch an. Sie ist als Atheistin aufgewachsen, findet aber in einer großen Lebenskrise zu einem lebendigen Glauben. Im Jahr 1933 zieht sie mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, einem Arbeitervorort von Paris, und übernimmt dort eine Sozialstation. Bei den „Leuten von der Straße“, wie sie es nennt.

Kurz darauf organisiert Madeleine Delbrêl ein antifaschistisches Bündnis zwischen Christen und Kommunisten. Während der Besatzung durch die Nazis koordiniert sie Sozialdienste rundum Paris. Die Gegend ist arm, dann die Bomben, viele müssen evakuiert werden oder vor einer Verhaftung in Sicherheit gebracht werden. Es geht ihr nicht einfach nur um Wohltätigkeit, sie will verändern. Und noch was: Sie will ein fröhliches Leben für alle Menschen.

Schon mit 22 Jahren schreibt sie an eine Freundin:

Andererseits bin ich davon überzeugt, dass es in unserer Zeit Menschen braucht, die sich der Freude widmen. Wenn kaum jemals eine Epoche vielleicht rauschhafter vergnügt war als die unsere, so frage ich mich doch, ob es nicht auch jemals eine gab, der die echte Freude so sehr fehlte. Diejenigen, die diesen Mangel am tiefsten spüren oder die am meisten darum gekämpft haben, haben die Aufgabe, sie den anderen zu schenken.

Madeleine kämpft und geht ihren ganz eigenen Weg. Sie trägt (zeitlebens) bunte Kleider, trinkt gerne Rotwein und raucht Gauloises. Fröhlich leben. Wie schafft sie das?

Beim Blättern in ihren Schriften komme ich dem Geheimnis ihrer Freude auf die Spur. Madeleine will Gott durch sich wirken lassen. Und so arbeiten, Gutes tun, helfen, was verändern.

Keine großen spektakulären Dinge, sondern viele kleine, banale und alltägliche Sachen – was das jeweilige Gegenüber eben gerade so braucht. Unter so vielen armen Leuten sind die Frauen aus der kleinen Lebensgemeinschaft in Ivry damit auch mehr als gut beschäftigt. Aber die viele Arbeit war nicht das eine und Gott das andere. Sondern das eine mitten im anderen, Gott mitten in den vielen Handgriffen und Berührungen, die Nächstenliebe mit sich bringt. Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, o Herr,
Könnten wir dem Bedürfnis zu tanzen, nicht widerstehen,
das sich über die Welt hin ausbreitet…

Denn ich glaube, du hast von den Leuten genug,
Die ständig davon reden, dir zu dienen – mit der Miene von Feldwebeln,
Dich zu kennen – mit dem Gehabe von Professoren,
Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports
Und dich zu lieben, wie man sich in einem alten Haushalt liebt.

Eines Tages, als du ein wenig Lust auf etwas anderes hattest,
Hast du den heiligen Franz erfunden
Und aus ihm einen Gaukler gemacht.
An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,
Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen. 

Allmählich fange ich an zu begreifen: Für Madeleine Delbrêl entspringt die Freude an Gott aus der Freude Gottes über uns. Darin besteht dieser Tanz. Gott freut sich über mich und ich freue mich –überwältigt von der Entdeckung, dass ich ihm ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann. Und das taucht alles, auch das Widrige und Gewöhnliche, in einen festlichen Glanz.

Lehre uns, jeden Tag die Umstände unseres Menschseins anzuziehen.
Wie ein Ballkleid, das uns alles an ihm lieben lässt
um deinetwillen, wie unentbehrlichen Schmuck. 

Gib, dass wir unser Dasein leben […]
Wie ein Fest ohne Ende, bei dem man dir immer wieder begegnet,
Wie einen Ball,
Wie einen Tanz
In den Armen deiner Gnade,
Zu der Musik allumfassender Liebe,
Herr, komm und lade uns ein.

Das ist mein Lätare-Fest: Klar, dass mich so einiges bedrückt – aber zugleich ist da eine Quelle der Freude, die nie aufhört zu sprudeln. Schon bald feiern wir Ostern, den Anfang vom Ende des Todes und der dunklen Nacht der Seele. Auch wenn es gerade ganz schön verrückt klingt: Die Welt ist schon über den Berg. 

(Foto: Senjutu Kundu auf unsplash.com | Zitate aus: Madeleine Delbrêl, „Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße“, hg. von Annette Schleinzer, München/Zürich/Wien 2014, S. 46, 118 und 120.)

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Deutschland in vollen Zügen

Die gute Nachricht: Das Deutschlandticket bleibt erhalten, aber – und das ist die schlechte Nachricht – es wird teurer. Das hat große Wellen geschlagen. Ich habe selber eins seit einigen Monaten, und nutze es immer wieder für längere oder kürzere Fahrten. 

Dabei habe ich Ecken von Deutschland gesehen, in die ich nicht gekommen wäre, wenn ich extra einen Fahrschein hätte lösen müssen. Ich habe auch viel über die Menschen in Deutschland gelernt: In den Regionalzügen fährt das bunte Deutschland. Und oft auch das nicht so wohlhabende Deutschland. Ich höre in den Öffis jedesmal, wirklich jedesmal, ganz unterschiedliche Sprachen.

Was mich ganz besonders berührt, das sind die Gespräche zwischen Menschen verschiedener Herkunft, die sich auf Deutsch verständigen. Manchmal etwas mühsam, manchmal auf einem ganz beachtlichen Niveau. Und dann fühle ich mich ein bisschen beschämt und ein zugleich beschenkt, weil da jemand, dessen Sprache ich nicht verstehe, sich so viel Mühe gegeben und meine Sprache gelernt hat.

Ich mag dieses Deutschland!

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Weißt du, was ich meine?

Manche Unterhaltungen kann man ja nicht überhören, auch wenn man gern würde. Ich sitze im Zug und habe keine Kopfhörer dabei. Hinter mir erzählt einer etwas seinem Gegenüber, und jeder zweite oder dritte Satz lautet: Weißt du, was ich meine?

Seltsamerweise wartet er die Antwort seines Gesprächspartners gar nicht ab, sondern redet sofort weiter. Um prompt wieder: Weißt du, was ich meine? Aber er wartet gar nicht, ob es der andere weiß.

Ich weiß nicht, ob Ihr gerade wisst, was ich meine. Dazu müsstet Ihr mir sagen, was ihr verstanden habt. Und ich müsste dann bestätigen, dass ich das gemeint hatte. Oder nochmal von vorn anfangen und es anders erklären. Dann hätten wir eine Chance, uns zu verständigen. 

Aber dieses Zuhören kostet Zeit und macht Mühe. Und oft reicht ja auch eine grobe Ahnung davon, was gemeint sein könnte. Doch es tut gut, wenn ich Menschen treffe, die das mit dem Zuhören und Nachfragen drauf haben.

Ich weiß übrigens auch nicht, was ihr gerade denkt. Hinterlasst gern einen Kommentar…

Foto von bruce mars auf Unsplash

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Selfies im Guggenheim

Ich bin zum ersten Mal im Guggenheim in Bilbao. Touristen schieben sich dicht gedrängt durch die Flure und Ausstellungsräume. Manche fotografieren eifrig – es gibt ja auch wirklich viel zu sehen. Ich mache auch hier und da ein Bild, dann vertiefe ich mich wieder in den Anblick und die Erklärungen.

Nach einer Weile fallen mir immer mehr Leute auf, die Selfies vor den Kunstwerken machen. Allein, zu zweit, zu dritt… Sie marschieren durch die Säle immer auf der Suche nach einem geeigneten Hintergrund. Das hat ein bisschen was von sich vordrängeln – schaut her, hier bin ich…

Ob Kunst oder Natur – ich finde gerade das Umgekehrte reizvoll: Mich mal verlieren im Anblick von etwas Schönem und Großartigen. Zu merken, Gottes weite und bunte Welt dreht sich nicht um mich, und das ist wunderbar entlastend: Ich darf klein sein, einen Schritt zurück treten und mich über diesen wunderbaren Ort freuen. Der ist, was er ist, ganz ohne mich. 

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Spottpreise

Ein umstrittenes Unternehmen aus China wirbt mit dem Slogan „Shoppen wie ein Milliardär“. Natürlich schenken sie mir nicht einen Cent. Stattdessen drücken sie den Verdienst bei den Lieferanten und tricksen bei Zoll und Steuern, um ihre Ware zum Spottpreis anbieten zu können. So entsteht die Illusion, dass Geringverdiener und Normalos wenigstens hier ihren Euro nicht dreimal umdrehen müssen, sondern einen Augenblick reuelos im Überfluss schwelgen können. 

Mit ihren Spott-Preisen verspotten sie freilich uns alle: Uns Käufer, weil viele Produkte mangelhaft oder gesundheitsschädlich sind. Die Hersteller, die kaum von ihrem Verdienst leben können. Die Mitbewerber, die Steuern und faire Löhne zahlen wollen. Milliardäre – das werden nur die Chefs und die Investoren. 

Echten Überfluss gäbe es durchaus bei uns nebenan: In der herbstlichen Natur, unter Menschen mit einem weiten Herzen für andere und überall sonst, wo Gottes schöpferische Liebe Werbung macht für ein reiches Leben.

(Foto von Sarah Penney auf Unsplash)

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Ganz schön verschieden: Was christliche Identität alles aushält

(Blogfassung der Evangelischen Morgenfeier auf Bayern 1 vom 22.09.2024)

Erinnern Sie sich noch an die Eröffnung der Olympiade in Paris? Ich weiß noch genau, wie ich mittendrin die Übertragung einschalte und mir schon nach ein paar Minuten schwindlig wird von all den Szenen, die am Bildschirm vorbeiziehen. Gut erinnern kann ich mich an eine singende blaue, nicht so furchtbar appetitliche Gestalt, die auf einem Teller liegt, der sich wiederum auf einer Art Laufsteg befindet, an dem ein schrilles Publikum sitzt. Mir schießt durch den Kopf: Da hat sich die queere Community von Paris versammelt, um den sittenstrengen Despoten in Moskau oder Teheran eine lange Nase zu drehen! Aber das ist auch gleich wieder vergessen, weil es sofort weitergeht mit Akrobatik, Tanz, Kostümen und rätselhaften Symbolen.

Gott und seine streitbaren Verteidiger

Am nächsten Tag falle ich aus allen Wolken. Da schreibt ein frommer Freund auf Facebook, die Urheber des olympischen Spektakels hätten das christliche Abendmahl verspottet, sie hätten Jesus mit Dionysos, dem griechischen Gott der Fruchtbarkeit und Gelage, vertauscht, und die heiligen Apostel mit Transvestiten. Zwei Bildschnipsel dienen als Beweis. Der eine zeigt das berühmte Abendmahlsgemälde von Leonardo da Vinci – der lange Tisch, alle mit dem Gesicht zum Betrachter, und Jesus genau in der Mitte. Das andere ist einen Bildausschnitt aus der Eröffnung. Man kann, wenn man will, eine grobe Ähnlichkeit behaupten. 

Die Kulturszene zieht das, was uns heilig ist, in den Schmutz, kommentiert mein Freund sinngemäß. Und fügt ein bisschen säuerlich hinzu: Sie haben uns ja noch nie gemocht und die widerspenstige Welt hat nie aufgehört, Gott abzulehnen. 

Huiuiui – was ist denn da los?

„Hast Du das gelesen?“ sage ich und zeige den Post meiner Frau. „Wir haben das doch zusammen angeschaut. Hättest du das so aufgefasst wie unser Freund?“ „Nein, sagt sie. Komisch – ich weiß auch nicht, was er hat.“

Wenige Stunden später läuft das halbe Internet Amok wegen der vermeintlichen Gotteslästerung. Katholische Bischöfe, fromme Influencer und die Krawallpresse reden und schreiben sich in Rage. Alle trampeln auf uns Christen herum, klagen die einen. Bei den Muslimen hätten sie sich das nicht getraut, tönen andere verschnupft, aber mit uns kann man’s ja machen. Viele, denen es gerade zu bunt wird, haben die Szene aus Paris gar nicht selbst gesehen. Sie kennen nur den einen Bildschnipsel, der dem Da-Vinci-Abendmahl ähneln soll. So verbreiten sie ein bereits fertiges negatives Urteil ungeprüft weiter. 

Die angegriffenen Künstler erklären glaubhaft, dass sie keineswegs gegen die Kirchen stänkern wollten. Und selbst wenn, sagen andere – eine Anspielung auf ein religiöses Kunstwerk wäre doch noch lange keine Gotteslästerung. Da Vincis Bild kursiert längst in hunderten von Abwandlungen aller Art. Kein Grund, sich aufzuregen.

 „Wer mich beleidigt, entscheide immer noch ich.“ Das hat mein Freund Michael mal gesagt.  Das ist wunderbar selbstbewusst – und ich frage mich: Warum nur entscheiden sich einige Christen dafür, beleidigt zu sein? Warum interpretierten sie Szenen, die man auch ganz anders deuten könnte, so bereitwillig als Angriff auf Gott und ihr Christsein?

Was tun mit all den Unterschieden?

Was ist eigentlich christliche Identität? Woran macht sie sich fest und wie verhält sie sich zu all den anderen Identitäten, in die Menschen hineingeboren werden oder die sie sich aussuchen – kulturellen, geschlechtlichen und sozialen? Selten wird das so klar beschrieben wie in diesen Worten des Paulus an die Christen in Galatien:

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. 

Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.

Galater 3,25-28

Nicht mehr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen. Wie meint Paulus das? Tun wir jetzt einfach alle so, als gäbe es keine Unterschiede zwischen Menschen mehr? Alle gleich? So einfach?

Mir fällt die Geschichte von einem Schulbusfahrer in den Südstaaten der USA ein. Als vor vielen Jahren die Rassentrennung dort endlich aufgehoben wurde und alle ihren Sitzplatz unabhängig von der Hautfarbe wählen durften, sagt sein Chef zu ihm: „Ab heute sind die Kinder für dich nicht mehr schwarz oder weiß, sondern alle sind grün.“ Am nächsten Morgen kommen die Kinder wie immer und hören an der Bushaltestelle: „Die Hellgrünen steigen vorne ein, die Dunkelgrünen hinten.“  

Es ist nicht so einfach. Rassismus sitzt eben tief und verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Außerdem hat die Anweisung des Chefs ein paar Denkfehler: Sie lenkt den Blick immer noch auf Farben. Das Grün ist nur eine gedachte Gemeinsamkeit, keine sichtbare, keine echte. Und so sieht der Busfahrer durch seine grüne Brille eben doch wieder die alten Gegensätze. Dabei haben die Schulkinder so viel gemeinsam: Sie sind klein und verletzlich, sie sitzen selten still, sie sind neugierig, und sie wollen alle in die Schule fahren. Die Hautfarbe ist ein ganz und gar unwesentlicher Unterschied. Es fragt ja auch niemand beim Einsteigen, welches Kind gut singen kann oder ob es Koriander im Essen mag.

Zurück zu Paulus. Der weiß das auch: Gott liebt alle Menschen – die traditionsbewussten Juden seiner Zeit und die neugierig-erfinderischen Griechen, die sozial Privilegierten und die Prekären, die mit dem X-Chromosom und die mit dem Y. Und die Reihe ließe sich jetzt noch lange fortsetzen, weil Paulus nur mal drei bekannte Unterschiede herausgreift, an denen sich Menschen immer wieder abarbeiten. Bei Mann oder Frau können wir heute mit homo oder hetero, cis oder trans weitermachen. Statt Juden und Griechen Israelis und Palästinenser sagen oder Ukrainer und Russen, ja sogar Franken und Altbayern oder Einheimische und Zugereiste.

Jeder Mensch, unabhängig von Kultur, Status und Geschlecht, ist ein lebendiges Ebenbild Gottes und repräsentiert Gott in dieser Welt. Alle, die glauben, sind Abrahams und Saras Nachkommen – biologische Kinder (also Jüdinnen und Juden) und adoptierte (wir anderen). Dieses Ziel, diese Bestimmung ist die entscheidende Gemeinsamkeit. Paulus überpinselt nicht alle Unterschiede in einheitlichem Grün. Christen sind nicht etwas Drittes, kein Grün neben Schwarz und Weiß, Blau und Gelb, keine eigene Kultur zwischen allen anderen. Es gibt sie in allen Farben und Sprachen, sehr verschieden, und doch ist da etwas, das sie fest zusammenhält und zugleich Platz schafft für diese erstaunliche Unterschiedlichkeit: 

ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.

Der Jude Paulus folgt Jesus, dem Messias nach. Und begegnet dabei Griechen – Nichtjuden – die statt Messias „Christus“ sagen und ihm auch nachfolgen. Er erkennt in ihnen Schwestern und Brüder. Nun aber kann er auf Griechen nicht mehr pauschal herabschauen – als wäre das eine minderwertige Kultur oder eine problematische Herkunft. Wenn ich als christlicher Mann christliche Frauen als gleichwertig und gleichrangig anerkenne, dann gilt das selbstverständlich auch für alle anderen Frauen, weil Gott sie ja ebenso liebt; auch wenn sie es vielleicht noch nicht gemerkt und sich bewusst darauf eingelassen haben.

Uniformieren oder umkrempeln?

„Ihr alle habt Christus angezogen“. 

Damit meint Paulus die Taufe. Christus anziehen – ich stelle mir das bildlich vor wie das Trikot einer Fußballmannschaft oder wie die Schuluniformen, die soziale Unterschiede überdecken sollen. Überdecken, aber eben nicht überwinden: An den Schuhen, der Uhr, der Schultasche oder dem Fahrrad können doch wieder alle ablesen, welches Kind aus einer reichen Familie kommt und welches nicht. 

Hat der Glaube wie eine Schuluniform nur die Kraft, die Trennungen in Privilegierte und Benachteiligte äußerlich zu überdecken? Und ist der Preis dafür eine Uniformierung, die alles Individuelle unterdrückt? Oder geht es tatsächlich darum, diese Ungleichheit gründlich zu überwinden und aus den Köpfen und Herzen herauszubekommen? 

Unterschiede relativieren – das kann ein Schritt dahin sein, sie abzuschaffen.

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier…“

In den ersten christlichen Gemeinden kamen tatsächlich Sklaven und Freie zusammen. Paulus bezeichnet sich selbst hin und wieder als „Sklave Christi“ und weiß, dass der Tod am Kreuz nicht nur Aufrührern (oder dem, was die Römer dafür halten) droht, sondern auch entlaufenen Sklaven. Daher fordert er einen geschwisterlichen Umgang. Klar weiß Paulus auch: Außerhalb der christlichen Bubble kauft und benutzt der wohlhabende Freie weiterhin mittellose Sklavinnen und Sklaven.

Ich möchte von einem Sklaven erzählen, bei dem sich etwas verändert. 400 Jahre nach Paulus wird er an Englands Westküste von irischen Piraten gekidnappt und mitgenommen übers Meer. Er heißt Patricius und ist noch nicht einmal richtig erwachsen. Seine Besitzer zwingen ihn, die Schafe  für sie zu hüten. Essen gibt es wenig, Kälte und Einsamkeit setzen ihm mächtig zu. Sechs Jahre lang geht das so. Er redet immer öfter mit Gott. Und irgendwann beginnt Gott, zu antworten. Eines Tages sagt er zu Padraig (so heißt er auf Irisch): Geh ans Meer, da liegt ein Schiff, das bringt dich nach Hause. 

Weglaufen ist für einen Sklaven lebensgefährlich, aber Patrick (so schreiben wir seinen Namen heute) riskiert es trotzdem. Und Gott hält Wort: Auf wundersamen Wegen gelangt er zurück nach Hause. Doch die Geschichte endet dort nicht. Im Traum erscheinen ihm immer wieder Iren und bitten ihn, zurückzukommen und ihnen von Gott zu erzählen. Patrick verabschiedet sich von seiner entsetzten Familie und wird zum Apostel Irlands. Mit seinen Begleitern zieht er durchs Land und findet Zuspruch – bei Königen und dem einfachen Volk gleichermaßen.

Der Brite Patrick wurde aus seiner Kultur einmal gewaltsam herausgerissen und dann noch einmal friedlich und freiwillig herausgerufen. Und so wie der Jude Paulus den Griechen ein Grieche sein konnte, wird Patrick den Iren ein Ire. Die Sprache kennt er ja schon. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird die heidnische grüne Insel ein mehrheitlich christliches Land, und zwar auf friedlichem Weg. Der Kampf gegen den Sklavenhandel bleibt ein Lebensthema für Patrick. Und tatsächlich: Die Iren stellen diese Praxis kurz nach seinem Tod ein. Damit sind sie ihren europäischen Nachbarn um Jahrhunderte voraus.

Der Riss in Gott

Ich glaube, Patrick versteht sehr gut, was Paulus meint, wenn er schreibt: 

„Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen“ 

Er kann nachempfinden, wie das war, in die Fremde zu gehen: Wie Gott den Abraham aus seiner Heimat Ur im Zweistromland wegschickt, ohne das Ziel der Reise zu verraten. Wie Abraham zusammen mit Sara diesem Ruf folgt und sich löst aus seiner Kultur und von seiner Verwandtschaft. Es ist kein Bruch, aber eine spürbare Distanz zu den feststehenden Identitäten, die sein Leben bisher ausgemacht haben. Wie Abraham loszieht mit nichts als dem Wort eines Gottes, der selbst keine bekannte Adresse hat: Keinen Tempel, zu dem man pilgern könnte, keine Priester, die den Kontakt zu ihm vermitteln, kein Bild oder Symbol, das ihn versinnbildlicht. Alles ist ausgerichtet auf die versprochene Zukunft: Er wird viele Nachkommen haben und der Segen wird sich über die ganze Welt verbreiten. Aber noch ist Abraham, der Prototyp aller Pilger, nicht am Ziel.

Der Theologe Miroslav Volf stammt aus Kroatien und hat den Horror des Balkankriege und der „ethnischen Säuberungen“ miterlebt. Und wie schwer es war, sich dem Hass auf die anderen zu entziehen. Er hebt auch deshalb die Bedeutung dieser Distanz der Glaubenden zur eigenen Herkunft hervor. Menschen wie Abraham oder Patrick sind für ihn 

»… eine Persönlichkeit, die durch Andersartiges bereichert wird; eine Persönlichkeit, die nur deswegen ist, was sie ist, weil sich in ihr viele andere in einer bestimmten Weise widerspiegeln. Die Distanz zu meiner eigenen Kultur, die daraus resultiert, dass ich aus dem Geist geboren bin, schafft in mir einen Riss, durch den andere hereinkommen können. Der Geist entriegelt die Tür meines Herzens, wenn er sagt: “Du bist nicht nur du; andere gehören auch zu dir.”«

Ich bin aus dem Geist geboren, sagt Volf. Ein neuer Anfang ist gemacht, eine neue Kraft ist am Werk, und das wirkt sich auf alle meine Beziehungen aus. Da kommen der Glaube und die Taufe noch einmal in den Blick. Die Taufe, in der sich Gott mit mir identifiziert und ich mit ihm. Denn auch Gott ist so eine „Persönlichkeit“ mit einem Riss, aus dem sein Leben und seine Liebe hervorströmt. 

So richtig sichtbar wird dieser Riss in Jesus, der mit weit offenen Armen am Kreuz hängt. Der diesen irren Schmerz auf sich nimmt, um selbst den Feinden noch zu zeigen: Auch wenn ihr mich ausschließt, ich halte euch die Tür zu Gott offen. Ihr gehört zu mir und durch mich könnt auch ihr Gottes Töchter und Söhne werden.

Es bleibt eine Lebensaufgabe, in diese Identität hineinzuwachsen, die sich anderen nicht verschließt. Diese kleine Geschichte hat mich sehr berührt. Sie zeigt, wie hartnäckig und wie überflüssig Vorurteile sein können:

Parker Palmer ist über 80 und lebt in den USA. Kürzlich war er in einer fremden Stadt unterwegs und stellt sein Auto in einem Parkhaus ab. Als er bei Sturm und Wolkenbruch zurückkommt, kann er den Wagen nicht mehr finden. Ein „Engel“ (so sagt er es) in Gestalt einer schwarzen Angestellten, der er seinen Parkschein vorzeigt, stellt fest, dass er im falschen Parkhaus ist. „Ich habe gleich Feierabend und bringe Sie zu ihrem Auto – ich weiß, wo es steht“, sagt die Frau. Die beiden machen sich zu Fuß auf den Weg. Unterwegs bemerkt sie, dass ihrem betagten Gegenüber im rauen Wetter die Puste ausgeht. Sie setzt ihn in eine Kneipe und lässt sich Schlüssel und Parkschein geben. Parker Palmer wartet. Und wartet. Der Wirt fragt, ob er gerade tatsächlich seinen Schlüssel und Parkschein hergegeben hat, und geht dann kopfschüttelnd über so viel Naivität zurück hinter seinen Tresen. Eine gefühlte Ewigkeit später fährt sein Auto vor. Parker Palmer eilt hinaus in den strömenden Regen und bedankt sich überschwänglich. Die Frau sieht ihn an und sagt: „Wissen Sie, was mir am meisten bedeutet hat? Dass Sie mir vertraut haben.“ Wäre der Regen nicht gewesen, sagt er, man hätte seine Tränen sehen können.

Es muss Schluss sein

In diesem Monat wird der Bundesrat 75 Jahre alt. Beim Festakt in Berlin hat der frühere Innenminister Gerhart Baum über die Bedeutung der Menschenwürde im Grundgesetz gesprochen. 

Gegen Ende seiner Rede kommt der wichtigste Satz: „Es muss Schluss sein mit dem Wahn einer ethnisch reinen Nation“.

Es muss Schluss sein. Paulus hätte Baum zugestimmt, und Abraham und Patrick auch: Wir gehören nie ganz einer bestimmten Kultur an, Wir sind alle „Hybride“. Fremdes ist nicht einfach eine Störung oder Gefahr für die eigene Identität. Ganz ehrlich, manchmal bin ich mir selbst ja fremd. Wenn ich mich dann ängstlich oder beleidigt einigele in meinem Weißsein, meinem Deutschsein oder Mannsein, wird es ziemlich dunkel und einsam. Und egal, wie fromm ich es kaschiere – Gott selbst hätte ich dann mit ausgeschlossen. Wenn bei ihm Platz ist für jemand wie mich, dann ist auch Platz für alle möglichen anderen. Ich bin nicht nur ich.

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Wird schon gutgehen

Es gibt Dinge, die schiebe ich gern vor mir her. Sie sind einfach nicht so dringend. „Ich mach’ das schon irgendwann, wenn grad mal mehr Zeit ist,“ denke ich mir dann. „Aber nicht jetzt, ich hab schon genug Stress.“

Manchmal komme ich mit dem Aufschieben durch. Aber dann gibt es auch die Momente, wo es lichterloh zu brennen beginnt, weil zum Beispiel der Reisepass abgelaufen und es zum Urlaub nur noch eine Woche hin ist. Dann wird es anstrengend und teuer, und manchmal ist es auch einfach zu spät.

Letzte Woche haben wir entdeckt, dass nicht nur Einzelpersonen so denken und agieren, sondern auch Gremien: Ämter, Stadträte, Regierungen. An vielen Orten wurde der Hochwasserschutz vernachlässigt. Es kommt ja nur alle hundert Jahre ein großes. Und selbst dann ist fraglich, wo genau. Wird schon gutgehen.

Aber immer öfter geht es eben nicht gut. Und dann sind ja nicht nur die betroffen, die das Problem aussitzen wollten, sondern auch die vielen anderen, die sich auf sie verlassen haben. Ein faules „wird schon gutgehen“ ist da einfach zu wenig. Wenn die Sache nämlich dringend wird, ist es schon zu spät.

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