Die Gemeinschaft der Wahrheit

DSC00820.jpgDie spirituelle und damit auch die ganzheitliche Dimension von Bildung interessiert Parker Palmer in seinem Buch To Know as We Are Known: A Spirituality of Education: Education as a Spiritual Journey . Es geht um Wahrheit, Wissen, Gewalt und Macht. Zu lange wurde das Wissen um der Macht willen angestrebt, und gerade diese Instrumentalisierung des Wissens, um die Welt der eigenen Willkür zu unterwerfen, hat den postmodernen Vorbehalt gegen Wahrheitsansprüche aller Art ja überhaupt erst heraufbeschworen. Die Folgen wiegen schwer.

Das Ziel von Unterricht und Bildung hatte Palmer früher schon einmal beschrieben als „einen Raum zu schaffen, wo man sich im Gehorsam gegenüber der Wahrheit übt“. Wenn zum problematischen Wahrheitsbegriff nun das autoritäre Strukturen legitimierende Wort Gehorsam tritt, dann scheidet dieses Bildungsziel für viele Menschen schon aufgrund dieser Terminologie aus.

Palmer hat daher versucht, andere Begriffe zu finden für das, worum es ihm geht – eine andere Form des Wissens und Lernens. Er ersetzt „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ durch „die Gemeinschaft der Wahrheit“, um dem autoritär-hierarchischen Missverständnis vorzubeugen. Es geht um ein Beziehungsgeflecht, in dem man ebenso zuhört wie redet und sich Wahrheitsansprüchen anderer ebenso stellt wie man selbst Wahrheit für sich selbst beansprucht. Alles hat diesen gemeinschaftlichen, auf Gegenseitigkeit hin angelegten Charakter: Die Ontologie (die Frage nach dem Sein), die Epistemologie (die Frage nach dem Wissen), die Pädagogik (die Frage nach dem Lernen) und die Ethik (die Frage nach dem Leben und Handeln).

In der Biologie (und ähnlich in der Physik) hat die Beziehung und die Gemeinschaft den Wettbewerb, den Überlebenskampf und die isolierte Betrachtung einzelner Objekte als entscheidende Kategorie abgelöst. Alles Sein ist ein Sein in unterschiedlichsten Beziehungen. Ebenso setzt auch alles Erkennen eine Wechselwirkung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem, was es betrachtet, voraus. Jede Aussage, die wir über die Natur machen, sagt auch etwas über uns selbst. Die Natur ist nicht stumm, die Geschichte keine „tote“ Vergangenheit, und unsere Beschäftigung mit beidem besteht im Aufspüren unserer lebendigen Verbindung zu beidem.

Folglich setzt auch alles erfolgreiche Lernen eine Beziehung voraus: Zum „Gegenstand“ des Unterrichts, zwischen Lehrer und Schülern, aber auch zwischen den Schülern untereinander. Wenn diese Beziehung etwa durch Angst und Konkurrenzdruck beeinträchtigt wird, dann wird Lernen schnell zum defensiven Nachplappern und sturen Pauken. Ein hoher intellektueller Anspruch lässt sich dagegen nur in einer Atmosphäre des Vertrauens durchhalten, weil sie einen konstruktiven, kreativen Dissens ermöglicht.

All das hat Folgen für die Ethik, sagt Palmer:

Wenn wir unseren Studenten beibringen, die Wirklichkeit als eine Ansammlung von Atomen anzusehen, die wir nach Belieben umgruppieren können, bringen wir ihnen eine gemeinschaftsfeindliche Ethik bei. Wenn wir Studenten beibringen, den Verstand als ein Werkzeug zu betrachten, mitessen Hilfe man sich von der Welt distanziert, dann bringen wir ihnen eine gemeinschaftsfeindliche Ethik bei. Wenn wir den Studenten beibringen, um Noten zu wetteifern, als wäre das Wissen eine Ware, an der ein Mangel herrscht, bringen wir ihnen eine gemeinschaftsfeindliche Ethik bei. Wenn diese Dinge durch das heimliche Curriculum von Bildern und Prozeduren vermittelt werden, spielt der Inhalt des förmlichen Lehrplans kaum eine Rolle – egal wie „gemeinschaftlich“ oder „ethisch“ er sein mag.

Kritisches Denken muss kein Akt der Distanzierung sein, sondern kann auch als Teilhabe und Engagement gelebt werden, ebenso wie das Aushalten von Ambivalenz nicht zum billigen Relativismus werden muss, sondern als Hören auf den anderen, das die eigene Stimme darüber nicht verliert. Hinter den Brüchen und Widersprüchen könnte so die verborgene Einheit und Ganzheit des Lebens wieder sichtbar und spürbar werden. Wahrheit, die verbindet statt trennt. Wahrheit, die den verändert, der sie entdeckt, und ihn von dem Zwang heilt, die Welt zu manipulieren, um sich selbst nicht ändern zu müssen.

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Ambivalente Autorität

Man könnte meinen, diese Zeilen seien unter dem Eindruck von Prism und der erschreckend unbeholfene Haltung der Bundesregierung zu den Lauschern der NSA entstanden. Tatsächlich hat Richard Sennett das schon vor mehr als 30 Jahren formuliert, und das digitale Zeitalter hat nichts daran geändert:

Das Bedürfnis nach Autorität ist elementar. Kinder brauchen Autoritäten, die sie anleiten und die ihnen Sicherheit geben. Erwachsene erfüllen einen wesentlichen Teil ihrer Erwachsenenrolle, indem sie Autoritäten sind; es ist dies eine Form, Anteilnahme an anderen zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder begegnet uns die Angst, dass wir dieser Erfahrung beraubt werden könnten. Die Odyssee, König Lear und Buddenbrooks – alle diese Werke handeln von der Schwächung oder vom Zusammenbruch von Autorität.

Heute allerdings verbinden sich mit der Autorität auch eine andere Angst – die Angst vor der Autorität. Wir sind dahin gelangt, den Einfluss der Autorität als Bedrohung unserer Freiheiten zu fürchten – innerhalb der Familie ebenso wie in der Gesellschaft. Und das Bedürfnis nach Autorität verdoppelt diese moderne Angst: Werden wir unsere Freiheiten aufgeben und uns in tiefste Abhängigkeit begeben, weil wir so sehr darauf aus sind, dass sich jemand um uns kümmert?

Richard Sennett, Autorität
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Weisheit der Woche: Die „freie“ Gesellschaft

Wo sind Public Relations erfunden worden? In den freiesten Gesellschaften der Welt, in Amerika und England. Und warum? Weil es in freien Ländern schwierig ist, die Bürger über direkte Machtausübung zu kontrollieren. Sie müssen sie anders kontrollieren: Sie müssen ihre Meinungen beeinflussen, ihre Anschauungen und Haltungen. In freien Gesellschaften geht es darum, die Köpfe zu reglementieren. So wie die Armee die Körper der Soldaten reglementiert.

Noam Chomsky im Interview mit Zeit Online

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Im Atem Gottes stehen

Bei Ihrer Suche nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn betrachtet Barbara Bradley Hagerty Nahtoderlebnisse und stößt auf einen interessanten Fall. Im Jahr 1991 wurde bei der Musikerin Pam Reynolds ein Aneurysma festgestellt. Der Neurochirurg Robert Spetzler wagte eine Operation. Dazu wurde sie an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die Körpertemperatur auf 15 Grad abgesenkt, dann wurde unter Narkose das Herz angehalten und das Blut aus dem Kopf abgelassen. Das EEG zeigte keinerlei Aktivität im Gehirn mehr an. Wäre der Zustand nicht künstlich herbeigeführt und wieder aufgehoben worden hätte man sagen können, sie war hirntot.

Nach dem erfolgreichen Eingriff wurde alles wieder rückgängig gemacht und die Patientin wachte auf. Sie berichtete, dass sie während der OP ihren Körper verlassen hatte und konnte sich an Details aus den Gesprächen des Operationsteams erinnern. Dann verließ sie die Szene und ging auf ein Licht zu, das sie anzog. Sie begegnete ihren verstorbenen Großmutter und ihren früheren Mentor (bzw. „Onkel“) und fragte, ob dieses Licht denn Gott sei. Die Antwort lautete: Das Licht ist nicht Gott selbst, aber der Atem Gottes. Irgendwann geleitete der Onkel sie wieder zurück und ermunterte sie, in ihren leblos daliegenden Körper zurückzukehren.

Ein späterer Abgleich mit den Protokollen ergab, dass Reynolds‘ Erinnerungen an Vorgänge während der Operation durchweg zutreffend waren. Hagerty zeigt auf, dass man diesen Fall im materialistischen Paradigma („Geist = Gehirn“) im Grunde nur so erklären kann, dass man irgendwelche Hirnaktivitäten postuliert, wo man nichts feststellen kann, damit aber verlässt man den Boden empirischer Wissenschaft und bewegt sich im Bereich von Spekulationen.

Apropos Spekulationen: Offenbar stürzen sich auch Esoteriker auf die Story und interpretieren sie nach ihren Kategorien. Interessant ist sie allemal, hier sind zwei Teile einer Dokumentation auf YouTube:

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Die Ferne zu den anderen

Die Ferne zu den anderen … wird noch einmal größer, wenn uns klar wird, dass unsere Gestalt den Anderen nicht so erscheint wie den eigenen Augen. Menschen sieht man nicht wie Häuser, Bäume und Steine. Man sieht sie in der Erwartung, ihnen auf bestimmte Weise begegnen zu können und sie dadurch zu einem Stück des eigenen Inneren zu machen. Die Einbildungskraft schneidet sie zurecht, damit sie zu den eigenen Wünschen und Hoffnungen passen, aber auch so, dass sie an ihnen die eigenen Ängste und Vorurteile bestätigen können. Wir gelangen nicht einmal sicher und unvoreingenommen bis zu den äußeren Konturen eines Anderen. Unterwegs wird der Blick abgelenkt und getrübt von all den Wünschen und Phantasmen, die uns zu dem besonderen, unverwechselbaren Menschen machen, der wir sind. Selbst die Außenwelt einer Innenwelt ist noch ein Stück unserer Innenwelt, ganz zu schweigen von dem Gedanken, die wir uns über die fremde Innenwelt machen und die so unsicher und ungefestigt sind, dass sie mehr über uns selbst als über den anderen aussagen.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, S. 100

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Weisheit der Woche: Echte Freude

Ich habe neulich ein zweifelhaftes Zitat von Ralph Waldo Emerson hier gepostet, hier folgt ein unzweifelhaftes Zitat von George Bernard Shaw aus dem Vorwort zu Man und Superman:

Die echte Freude im Leben ist es, wenn man für eine mächtige Sache gebraucht wird; dass man gründlich strapaziert wird, bevor man auf den Kompost wandert; eine Naturgewalt zu sein und kein fiebriger, selbstsüchtiger kleiner Trauerkloß mit seinen Wehwehchen, der darüber jammert, dass die Welt sich nicht darum dreht, dich glücklich zu machen. Und auch die einzige echte Tragödie im Leben ist die, wenn man von Menschen, die auf sich selbst bedacht sind, für niedere Zwecke benutzt wird. Alles andere ist schlimmstenfalls Missgeschick oder Sterblichkeit.

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Edith Stein und die Suche nach der Wahrheit

Passend zum historischen Datum habe ich gestern Die Jüdin Edith Stein gesehen. Erzählerisch bleibt es hinter Hannah Arendt weit zurück, wenn man sich mit der Person befassen will, ist es trotzdem kein schlechter Einstieg.

Die Geschichten beider Frauen ähneln sich ja an manchen Stellen: Sie waren beide Jüdinnen und Philosophinnen, die eine Schülerin von Husserl, die andere von Heidegger, beide erleben einen schmerzlichen Bruch mit Familie oder Freundeskreis. Aber Hannah Arendt wanderte aus, Edith Stein trat in den Karmelitinnenorden ein und starb schließlich in Auschwitz.

Von der Kontroverse um das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Edith Stein berichtet dieser Spiegel-Artikel von 1987.

Ein kurzes Portrait zum 120. Geburtstag von Edith Stein erschien im Dezember 2011 im Schlesien Journal:

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Wie banal ist das Böse?

Margarete von Trotta hat sehr eindrücklich einen Abschnitt aus dem Leben von Hannah Arendt verfilmt, der auch heute noch Stoff für Kontroversen hergibt. Einerseits bricht sie mit Martin Heidegger, der sich vor den Karren der Nazis spannen lässt, andererseits brechen enge Freunde mit ihr, nachdem sie den Prozess gegen Adolf Eichmann kommentiert und von der Banalität des Bösen spricht und die Rolle der jüdischen Räte kritisiert.

Und so wird seither über Hannah Arendt gestritten. Aktuell erinnern manche der im Film gezeigten Reflexe an den Antisemitismus-Vorwurf gegen Jakob Augstein, etwa in der unbelehrbaren Naivität, die beiden, Augstein wie Arendt, verschiedentlich attestiert wurde und wird (Augstein scheint etwa kaum noch Unterschiede zwischen ultraorthodoxen Juden und Islamisten zu erkennen – ähnlich verglich jüngst Christ und Welt Salafisten und Evangelikale und erntete dafür energischen Protest).

Mit ihren Aussagen zur Banalität des Bösen hat sie (selbst wenn heute einiges dafür spricht, dass sie tatsächlich Eichmanns Täuschungsstrategie auf dem Leim ging) noch eine andere Saite anklingen lassen. In der Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA war immer wieder zu lesen, dass die Befürworter eines allgemeinen Grundrechts auf Schusswaffenbesitz damit argumentieren, man müsse einen eventuellen Hitler (gelegentlich auch Stalin) verhindern können, der die staatliche Gewalt an sich reißt (Salafisten bzw. Al Qaida könnten dabei allmählich zum neuen Hitler werden).

Hitler erscheint hier nicht mehr als historische Gestalt, sondern als Chiffre für das absolute Böse, das eben so absolut Böse ist, dass jede Form des Gewalteinsatzes gegen diesen Feind per Definitionen schon gut ist. Das Alarmierende an der ganzen Hitlerrhetorik ist dabei jedoch die Tatsache, dass ganze politische Gruppierungen in den USA noch viel mehr als hier bereit sind, alle möglichen Gegner (allen voran den eigenen Präsidenten) als „Hitler“ zu bezeichnen und damit buchstäblich zum Abschuss freizugeben. Jede Kritik an dieser Haltung wird umgehend als fahrlässige Verharmlosung und unwillkürliche Komplizenschaft mit diesem absoluten Bösen abgeblockt. Dabei war der Zweite Weltkrieg so ziemlich der letzte Konflikt, wo die Rollen von Gut und Böse so eindeutig auf die Kriegsparteien verteilt waren.

Im pädagogischen Begleitmaterial zum Film findet sich ein Zitat von Karl Jaspers, der sogar um Arendts Leben fürchtete, weil er erkannte: „Wie unendlich naiv, nicht zu merken, dass der Akt, ein solches Buch in die Welt zu setzen, eine Aggression ist gegen ‚Lebenslügen‘.“ Wenn die Annahme eines absoluten Bösen dazu dient, eigene Lebenslügen zu stabilisieren, das eigene Gewaltpotenzial zu legitimieren, vermeintliche Gegner zu dämonisieren oder Minderheiten zu drangsalieren, dann könnte sich der (unter)kühl(t)e Blick Hannah Arendts und ihre Vorstellung, dass das Böse zwar oft extrem, aber nie radikal in dem Sinne ist, wie das Gute gut ist, vielleicht ja doch als heilsam erweisen. Dann kann man vielleicht manche banale Bosheit im eigenen Denken entdecken, bevor sie extrem geworden ist.

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Nur ein kleines Pünktchen

Zweifelt ihr etwa nur deshalb an den Prophezeiungen, weil Ihr selbst tatkräftig daran mitgewirkt habt, das sie in Erfüllung gehen? Ihr glaubt doch nicht etwa, es sei Zufall, dass Ihr die Abenteuer bestanden habt und all den Gefahren entkommen seid und dass das einzig zu Eurem Nutzen geschehen ist? Ihr seid ein prächtiger Kerl, Mister Beutlin, und ich habe Euch sehr gern. Aber schließlich seid Ihr doch nur ein kleines Pünktchen in einer sehr großen Welt.

Gott sei Dank, sagte Bilbo lachend und reichte im die Tabakdose.

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Weisheit der Woche: Täuschung – welche Täuschung?

Gilt das nur in totalitären Staaten oder kann man Anklänge an dieses Muster auch bei uns hier und da antreffen? Es gilt bestimmt nicht für jede Form von Macht, aber jede Institution scheint dafür anfällig zu sein. Wenn die Bundesregierung etwa aktuell den Armutsbericht „verbessert“ – könnte das schon ein klitzekleiner Schritt in diese Richtung sein?

Die Macht muss fälschen, weil sie in ihren eigenen Lügen gefangen ist. Sie fälscht statistische Daten. Sie täuscht vor, dass sie keinen allmächtigen und zu allem fähigen Polizeiapparat hat, sie täuscht vor, dass sie die Menschenrechte respektiert, sie täuscht vor, dass sie niemanden verfolgt, sie täuscht vor, dass sie keine Angst hat, sie täuscht vor, dass sie nichts vortäuscht.

Vaclav Havel 1989 in einem Essay

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Mörderisches Potenzial

Sensibilisiert von unserer momentanen Predigtreihe über die Zehn Gebote stieß ich letzte Woche auf diesen Beitrag in der Zeit, wo Hans-Ludwig Gröber vom Institut für forensische Psychiatrie sich mit der menschlichen Mordlust in jedem von uns befasst. Mörder sind eben nicht per definitionen geisteskrank und im Umkehrschluss ließe sich dann zur allgemeinen Beruhigung auch sagen, dass „wir Gesunden“ ja über jeden Mordverdacht erhaben wären.

Stattdessen können gesunde Persönlichkeiten sich an der Macht, zu töten berauschen, und wenn sich die Zeiten und Bedrohungslagen ändern, wenn wir „gute“ Vorwände finden, den anderen zum Un(ter)menschen zu erklären und präventiv kalt zu stellen, bevor er uns etwas antun kann, dann wären, wie das Beispiel des Dritten Reichs oder auch des Balkankrieges zeigt, auch brave, empathische Bürger zu Mördern. Gröber schreibt:

Den Artgenossen töten ist ein – im biologischen, nicht im moralischen Sinne – zutiefst menschlicher Akt. Nachvollziehbar, wenn das Motiv rational ist: Beute machen zum Beispiel, materiell oder sexuell. Um Macht zu etablieren oder aufrechtzuerhalten. Auch emotionale Motive sind verständlich: Angst, Notwehr, Wut, Eifersucht, Niedertracht. Und nicht zu vergessen: Rache! (Rache, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt, ist das reinste Motiv. Manche nennen es auch: Bestrafung.) Auch ein Grund zum Töten: die Lust an der Zerstörung. (Es gibt Menschen, sagt der böse Joker am Ende von Batman 2, die für kein Geld der Welt morden würden – sondern bloß, um zu zerstören.) Das könnte man vielleicht als »Rache an dieser Welt« bezeichnen. Und dann gibt es auch noch sehr eigenartige, aber gar nicht seltene Tötungsdelikte, vor allem von ganz jungen Männern, die der Täter begeht, um sich selbst zu erfahren. Um zu merken, wie stark er sein kann, was er aushält, wie viel Macht ihm durch diese unglaubliche Tat zuwachsen kann. Viele junge Männer haben das früher in Uniform herausgefunden. Und wurden dafür mit Orden behängt.

Es folgen eine ganze Reihe lebendig geschilderter Beispiele, und dann fragt Gröber, wie der Gewaltneigung vor allem junger Männer beizukommen ist, wenn man sie nicht als Fall für den Therapeuten hinstellen will. Am Ende unterstreicht er im Grunde die ungebrochene Aktualität des fünften Gebots, wenn er die Aufgaben benennt, die auf uns warten:

Der Mörder ist in uns allen. Doch er wird erfolgreich domestiziert durch eine energische Pädagogik, machtvolle Vorbilder, einen entschiedenen Staat und eine Kultur, die Gewalt ablehnt und gesundes Durchsetzungsvermögen fördert.

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Zusammendenken, was zusammen gehört

Gerade kommt „Die Vermessung der Welt“ in die Kinos (ich bleibe wohl lieber beim Buch). Von Kehlmanns Protagonisten lebt der eine in der Welt des abstrakten Geistes und der andere schlägt sich sammelnd und katalogisierend durch die unwegsame und unerbittliche Wildnis. Zwei Vertreter einer Moderne, die Geist und Materie nicht mehr zusammenbringt.

Der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson hielt gegen Ende seines Lebens die Überwindung dieses Dualismus für eine lebensnotwendige Aufgabe. Seine Tochter hat das Manuskript zu Wo Engel zögern nach seinem Tod fertiggestellt und veröffentlicht. Bateson grenzt sich von den sympathischen, aber abergläubisch-esoterischen Nachbarn, die auf Geister und Übersinnliches abfahren, ebenso ab wie von den Kollegen aus den Naturwissenschaften, die sich aufs Messen von Quantitäten und simple Kausalitäten haben reduzieren lassen.

Bateson ist ein origineller Denker und sein Buch eine anregende Lektüre. Seine Themenstellung – die Wiederentdeckung einer zusammenhängenden, geistleiblichen Wirklichkeit (er kann auch von „Monismus“ reden) – finde ich jedenfalls faszinierend:

Meine Aufgabe ist es, zu erforschen, ob es irgendwo zwischen diesen beiden Schreckgespenstern des Unsinns [d.h. des Materialismus und des Supranaturalismus, die beide die cartesische Spaltung der Welt in Geist und Materie widerspiegeln] einen geistig gesunden und gültigen Platz für die Religion gibt. Ob sich, wenn die Religion weder die Wirrköpfigkeit noch Scheinheiligkeit nötig hat, in Erkenntnis und Kunst die stützende Grundlage einer Affirmation des Heiligen finden ließe, die die natürliche Einheit zu Ehren bringen würde.

Würde eine solche Religion eine Einheit neuer Art bieten? Und könnte sie eine neue und dringend benötigte Demut wecken?

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Weisheit der Woche: Metaphorisches Reden

Muss denn eine Geschichte wirklich passiert sein, um wahr zu sein? Nein, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt. Um eine Wahrheit über Beziehungen zu kommunizieren oder um eine Idee exemplarisch darzustellen. Die meisten wahrhaft wichtigen Geschichten handeln nicht von Dingen, die wirklich passiert sind – sie sind in der Gegenwart wahr, nicht in der Vergangenheit.

Mary Catherine und Gregory Bateson, Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen

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