Blick in den Abgrund

Die Tage saß ich in einer Runde von Verantwortlichen, die über die verschiedenen Sektenbildungen im charismatischen Milieu diskutierten. Es gibt das auch in anderen Bereichen, aber die sehen dann inhaltlich wie von der Sozialgestalt auch anders aus. Ist es nun so, dass manche einfach etwas Gutes nehmen und leichtsinnig beziehungsweise übermütig über das Ziel hinaus schießen – oder sollen bösartige Karikaturen gar die „echten“ Charismen in Verruf bringen?

Ich würde die Ursachen ja eher an anderen Stellen suchen. Ein paar Zutaten, das ergaben meine Gespräche seither, erleichtern diese Entgleisungen – freilich sind sie nicht überall und nicht immer alle auf einmal anzutreffen:

  • Ein gebrochenes Verhältnis zur Kritik – das Wort steht in charismatischen Kreisen nicht gerade hoch im Kurs
  • Eine Neigung, sich an visionären, charismatischen Anführern zu orientieren (der Mythos vom „großen Menschen“?)
  • Eine auf Intimität gepolte Spiritualität, die Mühe hat mit jeder Form von Distanz – zu sich selbst, zu Gott, in der Gemeinschaft
  • Eine auf subjektiver Erfahrung beruhende Argumentation – ich habe das so erlebt, also ist es wahr
  • Schwierigkeiten, mit Ambivalenzen umzugehen – oft wird Störendes (negative Gefühle, Zweifel, Fortbestehen von Krankheitssymptomen) ausgeblendet und das Ganze als „Glaube“ missverstanden
  • Schwierigkeiten, sich auf längere Prozesse einzulassen, und das Hoffen auf augenblickliche Veränderung
  • Schwierigkeiten, Langeweile auszuhalten, und die Suche nach dem jeweils „Neuen“

Wo das alles zusammenkommt, wird es richtig brenzlig. Gleichzeitig würde ich nicht leugnen, dass es echte Charismen existieren, umgekehrt glaube ich aber auch nicht, dass unbedingt alles „echt“ ist, was man sehnsüchtig dafür hält.

Wobei die Sehnsucht auch ein großes „Plus“ der Charismatiker ist: Da gibt es eben eine Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, sich auf den Weg zu machen, einen Wunsch nach konkreter Veränderung, eine große zwischenmenschliche Wärme und nicht zuletzt einen Hunger nach Gott.

(nette Parallele aus der Politik: hier lesen)

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11 Antworten auf „Blick in den Abgrund“

  1. Dazu kommen noch eine „konfessionsinterne Hermeneutik“ und ein ebensolches Schriftverständnis… Ganz gewiss sind es Dinge, die einige „charismatische Kreise“ aus dem Gleichgewicht bringen. Kann man die Kritikpunkte aber nicht auf sämtliche Denominationen anwenden? (natürlich mit Ausnahme des letzten Punktes – denn Langeweile gehört ja zum Wesen der „echten Kirche“… 😉 )

    Jemand sagte mal, Sekten seien „Insekten“ an den wunden Stellen der Kirche. Wenn das so ist (und ich glaube, dass da ein Körnchen Wahrheit drin steckt), sollte die Kirche sich nicht lieber darüber ihren Kopf zerbrechen, was alles bei ihr „aus dem Gleichgewicht geraten ist“? Ein postchristliches Europa wäre vielleicht ein etter Anlass 😉 Es fällt uns allen sehr leicht, die Anderen zu „prüfen“, bei uns selbst ist es dann viel schwieriger… Warum?

    * Ein gebrochenes Verhältnis zur Kritik
    * Eine Neigung, sich an visionären, charismatischen Anführern (aus der Vergangenheit) zu orientieren
    * Eine auf Intimität gepolte Spiritualität, die Mühe hat mit jeder Form von Distanz zur eigenen (gewohnten und permanent erfahrbaren) Frömmigkeit
    * Eine auf subjektiver Erfahrung beruhende Argumentation (die 7 letzten Worte einer sterbenden Gemeinde lauten immer noch: DAS HABEN WIR SCHON IMMER SO GEMACHT!)
    * Schwierigkeiten, mit Ambivalenzen umzugehen (andersartige Schriftzugänge und Frömmigkeitsstile werden zu schnell verteufet!)
    * Schwierigkeiten, sich auf längere (Veränderungs-)Prozesse einzulassen, und das Hoffen auf augenblickliche Veränderung
    (* Schwierigkeiten, Langeweile auszuhalten, und die Suche nach dem jeweils “Neuen”. Diesen Punkt würde ich gerne ausklammern, da sich mir derzeit nicht der Gewinn der Langeweile in der Kirche erschließt…

  2. Interessante Gedanken, Jacob. Dann müssten bestimmte Gruppen allerdings überall entstehen (oder ihre Mitglieder rekrutieren), und das genau sehe ich nicht. Ich denke nicht, dass das verallgemeinert werden kann. Rechtsevangelikale werden eben zu betonköpfigen Bibelfundis, von Intimität in deren Spiritualität kann keine Rede sein, da neigt man eher zur Zwanghaftigkeit, und so weiter.

    Übrigens waren das selbstkritische Gespräche: Charismatiker haben darüber nachgedacht, wie das möglich war. In den Großkirchen wird auch selbstkritisch nachgedacht, zu genau den Themen, die Du nennst – postchristliches Europa – und an denen die Freikirchen bisher auch nichts ändern konnten. Ich würde sogar sagen, dass dieses Nachdenken schon viel eher angefangen hat,

  3. Sehr interessant, Peter!
    Scheint viel mit dem theologischen Konzept des „schon jetzt, aber noch nicht ganz“ des Reiches Gottes zu tun zu haben.
    Und ein Knackpunkt, der m.E. auf viele der anderen Punkte Einfluss hat, ist das Verständnis von Glaube.
    Es mag auf den ersten Blick wenig Unterschied zwischen „ganz fest davon überzeugt sein“ und „loslassendes Vertrauen, das täglich nicht auf meine Leistung, sondern auf seine baut“ bestehen.
    Und doch steht der als Eigenleistung verstandener Glaube ganz dem Glauben gegenüber, der nicht nur einmal da geschenkt wird, wo wir zum ersten Mal Jesus gegenüber Vertrauen fassen, sondern jeden Tag von Gott geschenkt werden muss – das verstehe ich unter täglicher Erneuerung des inwendigen Menschen.

    Herzliches Grüßle nach ER

  4. Zum postchristlichen Jahrhundert: Das sich ein solches aktuell abzuzeichnen scheint, akzeptiere ich. Aber vielleicht ist es auch etwas früh, aus zehn Jahren für das ganze Jahrhundert zu sprechen. Aber ich glaube es wäre ein schrecklich törichtes Ziel, GEGEN „das postchristliche Jahrhundert“ anzukämpfen und sei es, dass wir unser kirchliches Handeln durch DIESE Brille selbstkritisch reflektieren.
    Dabei bin ich quasi für brutalstmögliche Selbstreflexion. Aber eben unter einem Vorzeichen des „Hoffnung-Teilens“ und nicht des „Einfluss-Erhaltens“ (o.ä.). Ich glaube, dass das einen großen Unterschied in der Handlungsstrategie macht.

  5. …mir gefällt diese sozusagen typologische Definition von charismatischen Gemeinden, Peter: Bestimmte Kennzeichen, die in den unterschiedlichsten Kombinationen auftreten können. Damit bleibt man insgesamt flexibel – und kann gleichzeitig auch einzelne (!) Kennzeichen in ganz anders geprägten Gemeinden ausmachen, ohne dass die damit schon charismatisch wären.

    Wie wäre denn der Begriff „Gleichbleibendes“ – oder „Lange weilendes“ 😉 – statt „Langeweile“?

  6. Diese Auflistung von „Krankheitsursachen“ find ich auch interessant. Ich verstehe mich seit mehr als 20 Jahren als gesunder Charismatiker, der auch mal krank wird, und habe dazu folgende Kommentare:

    *Ein gebrochenes Verhältnis zur Kritik – das Wort steht in charismatischen Kreisen nicht gerade hoch im Kurs:
    Am Umgang mit Kritik können Chrarismatiker was lernen, da ist was dran. Aber der Weg kann nicht zurück zum Relativismus oder gar Nihilismus führen. Eher gibt es unerschlossene Quellen in Gemeinschaftsbewegungen, die ehrlich und ernsthaft um einen gemeinsamen Weg ringen. Wenn mehr Intellektuelle Charismatiker werden, wird die charismatische Bewegung in diesem Punkt bestimmt stärker werden.

    * Eine Neigung, sich an visionären, charismatischen Anführern zu orientieren (der Mythos vom “großen Menschen”?):
    Vorbildliche Leiter, denen man vertrauen kann, gibt es immer zu wenig. Auf Vertrauen und Vorbilder kann kein Christ verzichten. Erst gar nicht auf Jesus, den Sohn Gottes selbst, dem wir nachfolgen.

    * Eine auf Intimität gepolte Spiritualität, die Mühe hat mit jeder Form von Distanz – zu sich selbst, zu Gott, in der Gemeinschaft:
    Mein Eindruck ist, dass diese Problematik eher in den Volkskirchen anzutreffen ist, und dann andersrum gepolt. Es ist doch die Volkskirchenpraxis, die durch gnadenlose Distanz auffällt und spirituelle Intimität meidet als wäre es ein Tabu. Hier könnte die Volkskirche viel lernen, auch von einer naiven Spiritualität, die intellektuell noch nicht ausgereift ist. Wer denkt darüber nach, wieviel Gott-geschenkte Spiritualität intellektuelle Amtsträger bereits durch ihre aufgesetzte Distanz verhindert haben?

    * Eine auf subjektiver Erfahrung beruhende Argumentation – ich habe das so erlebt, also ist es wahr:
    Eine weit verbreitete Schwäche, auch in vielen anderen Bereichen. Wer argumentiert völlig frei von subjektiver Erfahrung?

    * Schwierigkeiten, mit Ambivalenzen umzugehen – oft wird Störendes (negative Gefühle, Zweifel, Fortbestehen von Krankheitssymptomen) ausgeblendet und das Ganze als “Glaube” missverstanden:
    Diese Neigung habe ich stärker außerhalb charismatischer Kreise wahrgenommen. Toleranz unter Christen ist eine notwendige Übung für jeden Tag.

    * Schwierigkeiten, sich auf längere Prozesse einzulassen, und das Hoffen auf augenblickliche Veränderung:
    Auch eine Ambivalenz, die es auszuhalten gibt. Wer hat Mut, sich darauf einzulassen? Wo gibt es diesen Glauben: Gott verändert jetzt und er schafft Veränderungen über Jahre!
    Wie weit ist derjenige in die Tiefen der Weisheit Gottes eingedrungen, der dieses Argument vorbringt?

    * Schwierigkeiten, Langeweile auszuhalten, und die Suche nach dem jeweils “Neuen”:
    Hier schließe ich mich folgendem Kommentar an: „Diesen Punkt würde ich gerne ausklammern, da sich mir derzeit nicht der Gewinn der Langeweile in der Kirche erschließt…“ Dazu zählen auch viele meditative Konzepte und liturgische Konstruktionen, die oftmals mehr einem Goldkäfig für den Heiligen Geist gleichen, als sein Wirken unterstützen.

  7. @Daniel: keine umfassende Typologie natürlich, nur die paar neuralgischen Punkte…

    @Reinhard: Jeder hat eben so seine Beobachtungen. Nur: Charismatiker gewinnen nichts durch die Kritik an anderen Richtungen (Dein letzter Punkt), sie verlieren eher – zum Beispiel die begründete Hoffnung darauf, dass mehr Intellektuelle Charismatiker werden. Es gibt in der Bewegung (wie bei Evangelikalen) eine ganz ausgeprägte anti-intellektuelle Tendenz. Und klar, da kann man nun gleich wieder den Intelektuellen die Schuld dafür geben. Nur – nützt es was?

  8. @peter: Zur Anti-Intelektuellen-Probkematik (Kommentar 7)
    Ja es nutzt! Die Verantwortung liegt eindeutig auf Seiten der intellektuellen Elite. Sie hat vornehmlich Führungsverantwortung, an ihr liegt es auch geistliche Leitung wahrzunehmen, wenn sie den Auftrag dazu hat. Im übrigen gibt es nicht wenig intellektuelles Potential bei Evangelikalen wie bei Charismatikern. Was da und dort von „Intellektuellen“ als anti-intellektuelle Tendenz wahrgenommen wird, ist oft nichts anderes als natürlicher Menschenverstand oder unreflektierte Intuition, den Intellektuelle leichtfertig und oft auch arrogant in dieser Weise abwerten. Es ist doch in der Regel die intellektuelle Elite, die sich aus ihrer Verantwortung stiehlt, auch andernorts. Ich schließe mich da nicht aus.

  9. @Reinhard: Nein, Du machst es Dir zu leicht – die Verantwortung für die Atmosphäre und Kultur der jeweiligen charismatischen Gruppe und Gemeinde liegt bei den LeiterInnen. Und wenn die einen antiintellektuellen Kurs fahren – das tun viele nämlich sehr wohl, und zwar explizit polemisch, das hat nichts mit „gesundem Menschenverstand“ oder irgendeiner Form von positiver Naivität zu tun! – dann erreichen sie die auch nicht.

  10. Bei der „Anti-Intelektuellen-Probkematik“ musste ich schmunzeln.

    Wir haben er eine gewisse (unausgesprochene) „Anti-Proll-Probkematik“. Und Pädagogen so weit das Auge reicht (Na-gut, bei 250 Mitgliedern, ist das auch für ein Kurzsichtigen überschaubar).

    Ich glaube das hat eine Eigendynamik. Wenn erst mal eine (im negativen Sinne) homogene Gruppe entstanden ist, ist es ziemlich schwer für Neue da zu zu kommen, die nicht den gewissen „Stallgeruch“ haben.

  11. Hinter den von Peter aufschlussreich beschriebenen Problemzonen jetzt eine intellektuelle Vernachlässigung etc zu sehen, ist zwar ein zutreffender Aspekt, aber noch zu kurz gedacht. Der Trend zum Anti-Intellektualismus der Erweckungsbewegung und ihrer Kinder ist m.E. in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts umgekehrt worden. Das lässt sich z.T. an der Veränderung von Ausbildungsprogrammen an Bibelschulen und Theologischen Seminaren nachweisen …

    Der Ruf nach einer intellektuellen Elite löst nur das Problem nicht. Der Intellekt / Verstand ist nämlich keine eigenständige Instanz, sondern immer emotions- und interessengeleitet (wie von einer Tiefenströmung). Hinter der Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit steht stets eine tiefere Dynamik. Und die ist geistlich zu prüfen, das kann auch jemand, der nicht studiert hat. Ich meine folgendes:
    Vieles von dem, was Peter beschreibt, berührt das Kraft- und Spannungsfeld von „Gesetz und Evangelium“. Große Teile (längst nicht nur!) der charismatischen Szene blenden das „Gesetz“ aus und wollen das Ja Gottes möglichst ohne sein Nein hören. Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Annahme und Bejahtwerden, und zwar bitte ohne (!) dass mir dabei auch die Augen über mich und die Welt geöffnet werden. Es ist letztlich die Sehnsucht nach Rückkehr in die Mutter-Kind-Symbiose des Baby- und Kleinkindalters. Eine reife und „erwachsene“ Beziehung zu Gott beinhaltet aber auch das (Zer-)Störende, die Distanz, Gericht, Sünde, Abfall. Der Bruch zwischen ihm und uns ist wie eine geschlagene Wunde durch Christus verbunden, behandelt, und wird geheilt. Aber nie so, als wäre nie was gewesen. Wenn es weit kommt im Leben, dann bleibt immer noch die Narbe zwischen ihm und uns. Meistens ist aber mehr als nur ein gewesenes Problem. Wer das wegblendet und im Christsein eine vollkommene Befreiung von allem Belastenden und Beängstigenden sucht, kann im Glauben nicht reifen. Scheint mir ein verbreitetes Problem zu sein …
    Unser Glaube ist kein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden. (frei nach Luther, wer kennt die Quelle?)

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