Opfer und Macht

Im Laufe der Religionsgeschichte tauchen an verschiedenen Punkten Menschenopfer auf. In den abrahamitischen Religionen sind sie verboten, in anderen Kulturen kamen sie aber wohl tatsächlich vor.

Die SZ zitierte diese Woche eine Studie aus Neuseeland, die herausstellt, dass es dabei neben der religiösen Dimension (den drohenden Zorn der Götter abzuwenden) auch eine politische Dimension gab: Menschenopfer traten besonders häufig in hierarchischen Gesellschaften mit einem hohen sozialen Gefälle auf, etwa wenn sich aus einer einfachen Sippen- und Stammesordnung ein imperiales Großreich entwickelt.

Indem die Oberen ihre Macht über Leben und Tod öffentlich demonstrieren, untermauern sie damit auch die eigene Herrschaft. Insofern ist Opferkritik auch Sozialkritik. Ein Grund mehr übrigens, sich sehr genau zu überlegen, ob und inwiefern man vom Tod Jesu am Kreuz als einem „Opfer“ im kultisch-rituellen Sinn reden sollte.

Wollte man hier weiterdenken, so legt sich die Frage nahe, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen autoritär-hierarchischen Kirchenstrukturen und den verschiedenen Formen von Opfertheologie. Falls jemand eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben möchte… 🙂

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Glaube und Naturwissenschaft

Gleich zweimal begegnete mir gestern die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft. Dann schrieb mir heute jemand zum Post vom Dienstag, religiöser Glaube sei mit wissenschaftlicher Unwissenheit gleichzusetzen. Ein Satz, den man nur mit viel kulturhistorischer Ignoranz so formulieren kann – und der Beweis dafür, dass man keineswegs religiös sein muss, um Sündenböcke zu brauchen.

Nun habe ich versucht, noch einmal in ein paar Sätzen zu formulieren, warum es zwar gelegentliche Spannungen, aber keinen grundsätzlichen Gegensatz beider Perspektiven gibt. Vielleicht hilft’s ja dem einen oder der anderen:

Glaube und Naturwissenschaft sind zwei verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselbe Wirklichkeit. Naturwissenschaft befasst sich mit Objekten, die man beobachten und messen (oder quantifizieren) kann und sie erforscht und beschreibt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge . Dabei hat sie viele nützliche Entdeckungen gemacht, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Diese Perspektive hat aber auch ihre Grenzen: Sie kann weder die Frage nach dem Sinn (also dem „wozu“ oder „wofür“) beantworten, noch die Frage nach dem, was gut oder schön ist (das versuchen zum Beispiel die Philosophie, oder die Religionen). Und nachdem Gott transzendent, also nicht einfach ein Gegenstand neben anderen in dieser Welt ist, kann die Naturwissenschaft auch keine Aussagen über ihn machen. Auch die lebenswichtige Frage, ob ich geliebt und gewollt bin, kann sie mir nicht schlüssig beantworten. Oder was Gerechtigkeit ist und wie man sie fördert.

Der Glaube hingegen befasst sich mit solchen Beziehungswahrheiten, und neben unserer eigenen Lebensgeschichte und den persönlichen Erfahrungen fragt er danach, ob und wie Gott sich in der Geschichte der Menschheit und der Welt offenbart hat. Statt in einem „Ich-Es“-Verhältnis wie die Naturwissenschaft gründet der Glaube in einem „Ich-Du“ Verhältnis. Ein lebendiges Gegenüber kennenzulernen, bedeutet eine Beziehung zu ihm einzugehen, und damit auch das Risiko, durch das Gegenüber in Frage gestellt oder durch die Beziehung zu ihm verändert zu werden. Egal wie gut ich eine andere Person kenne, sie bliebt doch immer auch ein Geheimnis. Und von genau solchen Erfahrungen und Begegnungen erzählt zum Beispiel die Bibel. Indem Menschen sich von diesen Erzählungen ansprechen lassen, machen sie ihre eigenen, oft lebensverändernden Erfahrungen und Entdeckungen.

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