Auf dem Weg

Am Damaskustor steigen wir in die Jerusalemer Straßenbahn und fahren nach Nordosten. In der Shufat Street 108 liegt Sabeel, das ökumenische Zentrum für Befreiungstheologie. Sabeel ist das arabische Wort für „Weg“. Wir sind rechtzeitig zum Mittagsgebet dort.

Neben den Leuten, die dort arbeiten, treffen wir zwei Freiwillige des ökumenischen Programms EAPPI, das unter anderem an den israelischen Checkpoints im Westjordanland Beobachter aufstellt, die Schikanen und Menschenrechtsverletzungen der IDF dokumentieren – beziehungsweise durch ihre Anwesenheit möglichst verhindern.

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Wir sprechen gemeinsam die Liturgie auf Englisch und bekannte Teile, wie das Vaterunser, parallel in den jeweiligen Muttersprachen, wir tauschen uns aus über einen provozierenden Bibeltext (Jesus vor Pilatus), wir feiern die Eucharistie unter der Leitung von Naim Ateek, der das Zentrum gegründet hat.

Naim erinnert in den Fürbitten an das Massaker von Deir Yasin: Am 9. April 1948 (auf den Tag vor 47 Jahren) wurden dort etwa 120 Einwohner (von denen nur eine kleine Minderheit bewaffnet war) von jüdischen Untergrundkämpfern getötet, der Rest der 600 Menschen vertrieben. Innerhalb der nächsten Wochen (und noch vor Beginn des sogenannten Unabhängigkeitskrieges) flohen 200.000 bis 300.000 Palästinenser aus ihren Dörfern. Auf dem Gebiet von Deir Yasin steht heute Giv’at Shaul, ein westlicher Stadtteil von Jerusalem. Wir sind nur wenige Kilometer entfernt.

Dann essen wir gemeinsam zu Mittag, erzählen einander, wo wir herkommen und warum wir hier sind. Ich frage Naim, welches von den vielen Büchern dort er mir am meisten empfehlen würde, und er zeigt auf A Palestinian Christian Cry for Reconciliation. Das Vorwort ist von Desmond Tutu. Naim ist anglikanischer Pfarrer und stammt aus Beisan, später lebte er in Nazareth und promovierte in San Francisco. Sein Buch Justice and only Justice gilt als Wegbereiter für das Kairos-Dokument, das vom Ökumenischen Rat unterstützt wird. Es ruft zum gewaltfreien Widerstand gegen die Besatzung und zur Versöhnung unter den Ethnien und Religionen auf, aber auch dazu, das Schweigen in den Kirchen, der Politik und den Medien zu brechen.

Gestärkt stürzen wir uns wieder ins Getümmel der Altstadt am letzten Tag des Pessach-Festes und am Gründonnerstag der orthodoxen Christen. Orthodoxe Popen mit singenden Pilgergruppen und orthodoxe Juden umgeben von ihren vielen, vielen Kindern wetteifern um die wildeste Bartmode. Wer religiösen Pluralismus studieren möchte, kommt hier voll auf seine Kosten. Wer Ruhe und Besinnung sucht, braucht ein dickes Fell.

Naim Ateek spricht am 5. Juni auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Am Tag danach findet unter dem Motto „Gerechtigkeit schafft Frieden“ ein Studientag von Pax Christi statt, der auch von der ACK in Baden-Württemberg getragen wird und auf dem auch jüdische Aktivisten vertreten sind. Die Veranstaltung ist hochkarätig besetzt und wer eh in der Nähe ist, sollte die Gelegenheit – diesen Kairos – nutzen. Für manche Dinge muss man nicht – jedenfalls nicht immer – nach Jerusalem reisen.

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