In Reiner Ruffings sehr gelungener Einführung in die Geschichte der Philosophie habe ich kürzlich das Kapitel über die Philosophie der Gegenwart gelesen. In den letzten 100 Jahren haben sich die Fragestellungen der Philosophen gegenüber Aufklärung und Idealismus noch einmal gewaltig verschoben.
Statt sich weitgehend auf das Individuum und/oder das Bewusstsein zu konzentrieren haben die Denker des 20. Jahrhunderts, vor allem seit dem vollständigen Verlust des Fortschrittsoptimismus im ersten Weltkrieg, zunehmend mehr Gedanken gemacht über die Auswirkung gesellschaftlicher Strukturen und Rahmenbedingungen auf unser Leben und über Sprache und Kultur als Voraussetzung unseres Denkens, Erkennens und Diskutierens.
Das ist keine neue Einsicht, aber als ich das so kurz und prägnant formuliert bei Ruffing las, frage ich mich, ob nicht Teile des christlichen Spektrums geistig noch im 19. Jahrhundert leben und noch die alten Fragen stellen. Freilich ist das erlaubt: Nicht alle dieser Fragen sind sinnlos. Die Frage ist allerdings, ob die Antworten auf diese Fragen in einer Welt, die sich ganz andere Gedanken macht, noch von Belang sind, und ob die Sprache und Denkmuster, aus denen heraus sie gestellt werden, verstanden werden.

