Lieber leicht gerötet als satt gebräunt…

Während die US-Evangelikalen gerade versuchen, sich von der Religious Right und den Neocons zu distanzieren, zeigt die Zeit, dass es auch hier für Christen nichts Dümmeres geben könnte, als (wieder mal…) mit einem Konservativismus zu liebäugeln, der sich nach rechts nicht konsequent abgrenzen will und kann. Der ideologische Erzfeind lauert nämlich nicht, wie so oft vermutet, links von der Mitte:

Wenn nicht alles täuscht, dann steckt im – fast durchgängigen – Hass auf den Monotheismus der Schlüssel zum Verständnis des rechtsradikalen Weltbildes. Jesus Christus, schreibt der auch hierzulande gern zitierte Chefdenker der »Nouvelle Droite«, Alain de Benoist, sei der erste Bolschewist der Geschichte gewesen. Bis heute knüppele sein Fußvolk – Kommunisten, Linke, Liberale, Aufklärer – mit der Moralkeule alles Starke und Mächtige nieder und lasse die Welt in Gleichheit erstarren.

Der Artikel beschreibt ausführlich die biologistische Logik, auf der die Polemik gegen Juden und Christen fußt – eine Art Dawkins meets Odin. Bizarr auch, wenn die Rechten eine „Verweiblichung politischer Eliten“ beklagen, und Mannsein als die Fähigkeit zu Hass und Grausamkeit definieren. Wo Christen auch nur ansatzweise in diese Richtung tendieren – und das beginnt schon beim Vokabular – da wird es brenzlig.

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (3. Selbstkritik)

Bislang hat man schon sehr zwischen den theologisch nicht besonders aufregenden Zeilen lesen zu müssen, um zu sehen, worauf die Autoren des Manifesto (darunter Dalles Willard und Miroslav Volf) eigentlich hinaus wollen. Im nächsten Abschnitt lassen sie nun die Katze aus dem Sack, es geht um die Änderung des eigenen Verhaltens – mit erheblichen theologischen Implikationen, um das gleich vorweg zu nehmen:

Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Die evangelikale Bewegung muss sich reformieren und erneuern. Sie ist unglaubwürdig geworden:

But if the Evangelical impulse is a radical, reforming, and innovative force, we acknowledge with sorrow a momentous irony today. We who time and again have stood for the renewal of tired forms, for the revival of dead churches, for the warming of cold hearts, for the reformation of corrupt practices and heretical beliefs, and for the reform of gross injustices in society, are ourselves in dire need of reformation and renewal today. Reformers, we ourselves need to be reformed. Protestants, we are the ones against whom protest must be made.

Es folgt eine Aufzählung evangelikaler Untugenden: „Theologische“ Rechtgläubigkeit, der zum Gemeindewachstum aber fast jedes Mittel Recht ist, Verurteilungen und Spaltungen, selbstgerechte Urteile über andere, synkretistische Kompromisse mit Materialismus, Individualismus und Konsumkultur, eine Verengung des Evangeliums durch Vernachlässigung biblischer Themen wie der Schöpfung, Bildungsfeindlichkeit, ein Mangel an Sensibilität gegenüber rassistischer Ausgrenzung und sozialer Kälte.

Der Ruf zur Umkehr wirkt sich auch auf die Einstellung zur Politik aus:

We call for an expansion of our concern beyond single-issue politics, such as abortion and marriage, and a fuller recognition of the comprehensive causes and concerns of the Gospel, and of all the human issues that must be engaged in public life. Although we cannot back away from our biblically rooted commitment to the sanctity of every human life, including those unborn, nor can we deny the holiness of marriage as instituted by God between one man and one woman, we must follow the model of Jesus, the Prince of Peace, engaging the global giants of conflict, racism, corruption, poverty, pandemic diseases, illiteracy, ignorance, and spiritual emptiness, by promoting reconciliation, encouraging ethical servant leadership, assisting the poor, caring for the sick, and educating the next generation.

Nach dem Fundamentalismus wird hier nun auch die Agenda der religiösen Rechten verworfen. Wie die Neupositionierung in der Öffentlichkeit konkret aussehen könnte, das beschreibt dann der dritte Abschnitt.

(Fortsetzung folgt)

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