Glaube, Genuss, Gerechtigkeit und das gute Gewissen

Fleisch ist gerade in aller Munde. Wieder mal. Die Corona-Pandemie hat die Missstände der Fleischindustrie, bei denen Ministerien und Behörden bis jetzt gern beide Augen zugedrückt hatten, unübersehbar gemacht. Im Wirtschafts- und Landwirtschaftsminsterium werden wieder einmal die einschlägig bekannten Beschwichtigungsroutinen aktiviert. Vermutlich um Tatkraft zu simulieren, bis die Aufregung sich legt, alle wieder wegschauen und business as usual wieder möglich ist.

Die Liste der Probleme, die der gewohnte Fleischverzehr verursacht, ist ja lang. Neben Infektionen und Ausbeutung beim Personal der Schlachthöfe ist das zum Beispiel

Letzteres bringt uns wieder zurück zum Anfang – den massenhaften Ansteckungen mit Covid-19 bei Tönnies & Co. Oder wie der katholische Kollege Peter Kossen diese Woche im DLF sagte: „Man verbraucht Menschen„. Wie in anderen Bereichen billiger Massenware auch werden hier die Armen gegeneinander ausgespielt. Die Tönnies‘ dieser Welt streichen derweil satte Gewinne ein und inszenieren sich gleichzeitig noch als Wohltäter, die billige Burger, Flugtickets oder T-Shirts unters darbende Volk bringen.

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Bibel und Billigfleisch

Es mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, hier einen Streit unter den ersten Christen aufzugreifen. Aber vielleicht können wir daraus ja doch etwas lernen über Glaube, Fleischverzehr, Gerechtigkeit und das gute Gewissen? Im Römerbrief und im ersten Brief an die Korinther befasst sich Paulus mit der Frage, ob Christen Fleisch von Tieren essen sollten, die als Opfer für die heidnischen Götter geschlachtet wurden.

Richard Horsley hat in seiner Studie „Jesus and the Powers“ den sozialgeschichtlichen Hintergrund der frühen Christenheit im römischen Reich ausgeleuchtet. Er bezeichnet das politische System als „military-agribusiness complex“. Die Patrizier kauften Land im großen Stil auf und bewirtschafteten ihre riesigen Latifundien mit Sklaven. Kleinbauern, die nicht zuletzt wegen der damals geltenden Wehrpflicht verarmten, verloren ihre Lebensgrundlage und wanderten in die Städte ab, wo sie die Unterschicht bildeten. Der römische Senat stimmte einer Deregulierung zu, die Privatpersonen unbegrenzten Landbesitz ermöglichte und die Zwangsenteignung verschuldeter Familien billigte. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert verloren so die Hälfte der Bauern Italiens ihr Land.

In den Städten ließen die reichen Patrone Getreide an die Proletarier verteilen, um den sozialen Frieden zu wahren. Diese freiwilligen Sozialleistungen der Reichen betrafen auch die religiösen Feste, die im Wesentlichen aus Wagenrennen im Zirkus, Theateraufführungen und üppigen öffentlichen Festmählern bestanden – zu Ehren der Götter, die die bestehende Ordnung garantierten. Diese Feste dauerten, alles zusammengerechnet, etwa vier Monate im Jahr, schreibt Horsley. Und sie waren für viele Arme, die sich das sonst nicht leisten konnten, die einzige Möglichkeit, Fleisch zu essen.

Mit anderen Worten: Billigfleisch sichert den sozialen Frieden im Reich. Es wird in Sklavenarbeit hergestellt, von der hauptsächlich die steinreiche Oberschicht profitiert. Die hat sich den Staat unter den Nagel gerissen und verteilt nun Almosen, um keine Macht abgeben zu müssen. Nach 30 Jahren neoliberaler Umverteilung von unten nach oben erscheint uns Heutigen das nicht mehr völlig fremd.

Unter den Christen in Rom und Korinth scheint die Frage, ob man Opferfleisch essen darf, vor allem unter dem Gesichtspunkt kultischer Reinheit verhandelt worden zu sein. Macht sich jemand, der (wenn auch indirekt) an rituellen Handlungen teilnimmt oder davon profitiert, dadurch unrein? Wird er schuldig, weil er gegen das erste Gebot verstößt, keine anderen Götter zu haben? Muss er mit Zorn und Strafe rechnen?

Was steht auf dem Spiel?

Paulus unternimmt hier eine subtile Diskursverschiebung. Für ihn ist es kein kultisches Problem, sondern ein zwischenmenschliches. Es geht nicht um rein und unrein, Schuld und Strafe. Es geht aber sehr wohl darum, Lösungen zu finden, mit denen alle gut leben können. Wenn mein Fleischkonsum – aus welchem Grund auch immer! – für andere zur Last wird, dann stellt sich die Frage nach Rücksichtnahme. Fleisch zu essen ist also nicht absolut richtig oder falsch, aber es kann durchaus relativ problematisch sein.

Und so rät Paulus dann zu einem bedingten Verzicht. Nicht weil Fleischverzehr an sich „pfui“ wäre. Wohl aber weil die sozialen Kosten zu hoch sein können und weil die Solidarität nicht auf der Strecke bleiben darf. Wir kennen und praktizieren das ja auch: Wenn etwa ein Familienmitglied eine Unverträglichkeit hat, dann passen alle anderen ihre Ernährung ein Stück weit an. Nicht aus Zwang, sondern weil es dem Zusammenhalt dient und sich alle damit wohler fühlen. So lässt sich auch die Maxime des Paulus verstehen:

Was für euch gut ist, soll nicht schlechtgemacht werden. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist. Wer darin Christus dient, findet Wohlgefallen bei Gott und Anerkennung bei den Menschen.

Römer 14,16-18

Verbissen war gestern

Auf einem Werbeplakat der Tabakindustrie hieß es vor ein paar Monaten: „Gemüse vom Grill? Und ich dachte, wir sind Freunde“. Als wären Vegetarier*innen und Veganer*innen Vertreter eines elitären Lifestyles, die ihren freudlosen Verzicht dadurch kompensieren, dass sie anderen ihre absurde Moral aggressiv aufs Auge drücken. So funktioniert die klassische Gutmenschen-Polemik, sie entschuldigt die eigene Ignoranz mit dem Verweis auf die angebliche Arroganz der anderen.

Das Körnchen Wahrheit darin kennt auch Paulus: Verzicht fällt uns weniger schwer, wenn er von Freude getragen wird. Wer eine Diät macht, freut sich auf seine Wohlfühlfigur und die Komplimente der anderen, wer hart trainiert auf den Leistungszuwachs und den sportlichen Erfolg. Hier geht es um Frieden und Gerechtigkeit – lebensförderliche Verhältnisse zwischen Menschen. Wenn wir daran Gefallen finden, darauf Lust bekommen, dann funktioniert auch der Verzicht. Ganz ähnlich argumentiert Paulus beim finanziellen bzw. materiellen Teilen: einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Die Forderung ist übrigens nicht: Du musst Rücksicht nehmen und es muss dir auch noch Spaß machen. Sondern die Einladung lautet: Stell dir vor, was Deine Solidarität für andere bedeutet, die um ihre Gesundheit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen- und Lebensbedingungen kämpfen müssen. Auch dann, wenn sie für sich allein genommen und auf kurze Sicht noch keine spürbare Veränderung bewirkt. Aber es ist ja kein Schaden, stastlichen Regelungen (die wir natürlich auch brauchen!) zuvorzukommen oder über sie hinauszugehen. Die werden ohnehin erst dann kommen, wenn eine ausreichend große Zahl vom Menschen bereit ist, sie mitzutragen. Bis dahin gilt:

Selbst wem Tiere wurscht sind, dem können Menschen nicht egal bleiben. Das Problem ist komplex, die Konsequenz ist simpel: Wir brauchen ein nachhaltigeres Nahrungsmittelsystem, mit keinem oder kaum Fleisch und vielen Pflanzen auf dem Teller.

Ariane Sommer in der taz

Egal, ob ich an meine Urenkel denke, an die Ureinwohner des Amazonasgebietes, an die Tiere und Beschäftigten in den Schlachthöfen: Es hilft mir bei der Entscheidung, was ich kaufe und zu mir nehme. Auch das ist im Grunde recht einfach zu begründen:

… stehle [ich] nicht, weil das gesetzlich verboten ist? Ich glaube nicht, dass das der Grund ist, warum ich nicht stehle. Ich denke nicht, dass ich es tun würde, wenn es morgen nicht mehr verboten wäre. Ich will einfach nicht jemand sein, der stiehlt. Der Trick ist, das jetzt zu übertragen, sodass wir auch nicht jemand sein wollen, der den Planeten bestiehlt oder die Zukunft. 

Jonathan Safran Foer

Wir haben auf viele Dinge in dieser Welt keinen Einfluss. Beim Fleischverzehr ist das erfreulich anders. Da senden wir wie sonst kaum mit einem sehr überschaubaren Aufwand gute Impulse in viele Richtungen auf einmal. Was für eine Gelegenheit, der Gerechtigkeit und dem Frieden Vorschub zu leisten! Und der Glaube an einen Gott, der alle seine Geschöpfe fürsorglich liebt, hilft der Motivation ja zusätzlich auf die Sprünge.

Diesen Sommer fallen die meisten Gemeindefeste aus. Zeit zu überlegen: Was kommt bei uns nächstes Jahr auf den Tisch? Und wie erklären wir das unseren Gästen?

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