Die Tragik des kleinen Glücks

Ich habe wieder angefangen, in Philipp Ruchs „Wenn wir wir, wer dann?“ zu lesen. Das Buch (mehr noch sein Autor) ist ja ziemlich vehement verrissen worden. Ok, wer eine systematische philosophische Analyse der Spätmoderne und ihrer Aporien und Probleme erwartet hat, der wird vermutlich auch verzweifeln.

Ruchs Text ist eher ein „rant“, eine Wutrede. Das auf 200 Seiten ausgedehnt ist anstrengend zu lesen. Dirk Pilz nennt es „Erweckungsliteratur“ und erkennt bei Ruch einem Hang zum Apokalyptischen. Ruch will erschüttern, nicht überreden. Seine Angriffe auf die Apathie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und wirken manchmal etwas unkoordiniert. Mit Pathos wird nicht gegeizt, dagegen ist jeglicher Humor, der andere Aktivisten wie Srdja Popovic auszeichnet, völlig abwesend (aber das könnte man den meisten Propheten des Ersten Testaments auch vorwerfen). Viele Schlüsselbegriffe wie Größe und Schönheit kommen schwammig daher, das Vokabular und die zitierten Denker von Aristoteles bis Nietzsche und Freud sind allesamt älteren Datums. Wer eine durchdachte und faire Kritik des Naturalismus (oder Szientismus) als quasi-nihilistischer Weltanschauung sucht, findet vermutlich Besseres.

Aber ich wollte hier eigentlich keine Rezension veröffentlichen, sondern einen Denkanstoß aufgreifen, den ich wirklich wertvoll fand. Er steht auf Seite 123:

In unserem ersten Jahr befragten wir ganz normale Menschen auf der Straße, was das Größte gewesen sei, das sie jemals hatten tun wollen. Die Ratlosigkeit in den Gesichtern hat mich wochenlang fertiggemacht. Ich habe es nicht glauben können. Man denkt, diese gesellschaftliche Aporie müsste gestellt sein. Nur ganz selten trafen wir einen Menschen, der Größeres erreichen wollte. Das Wollen der meisten Menschen zielte auf den privaten Bereich. Alle wollten sie eine Weltreise machen, Kinder bekommen und ihr „Glück“ finden. wenn wir nachhakten und wissen wollten, was sie damit meinten, ernteten wir noch größere Ratlosigkeit. […]

Damals wurde mir klar, dass die menschliche Selbstbezogenheit die größte Rebellion verdient.

Dass jemand an unserer Zeit verzweifeln kann, weil er der Auffassung ist, dass wir Menschen zu mehr berufen sind, als vorgestanzte Konsumträume und kleinbürgerliche Glücksphantasien auszuleben, das kann ich verstehen. Eigentlich müssten doch die Kirchen Träger dieser Rebellion sein. Das geistigen, sozialen und spirituellen Fähigkeiten dafür sind vorhanden. Was noch fehlt, ist vielleicht tatsächlich ein bisschen von der Wut, die man bei Ruch so deutlich spürt. Ein bisschen „heiliger Zorn“ – und vor allem: noch mehr brennende Hoffnung.

Heute morgen starb Rupert Neudeck: Ein Mann, der das, was Philipp Ruch so vehement fordert, zäh und unbeirrt vorgelebt hat. Mögen noch viele andere über sich hinauswachsen zu dieser Art von Größe. Dagegen kann eigentlich niemand ernsthafte Einwänder haben, oder?

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