Torn (5): Ein schwerer Entschluss

Der besondere Charme dieses Buches liegt darin, dass Justin Lee seine Leser mitnimmt auf einen Weg. Es ist keine abstrakte, trockene und scheinbar emotionslos-objektive Theorie, sondern eine aufrichtige, intensive Suche, die über verschlungene Pfade führt. Man bekommt nicht einfach ein Resultat präsentiert, sondern vollzieht beim Lesen die einzelnen Schritte nach, die dahin führten, und was es den Autor kostete.

Nach seiner Abkehr von der Ex-Gay-Bewegung und der bis dahin verlockenden Vorstellung, er könne „hetero“ werden, sieht Lee sich vor der Entscheidung, seine Homosexualität zu verleugnen oder zu unterdrücken, sich auf eine homosexuelle Beziehung einzulassen, oder allein zu bleiben. Aber das würde nicht nur den Verzicht auf Sex bedeuten, sondern auch auf innige Nähe, auf Anerkennung und ungeteiltes Dasein füreinander. Sogar Paulus, der doch die Ehe mehr als ein Zugeständnis betrachtet hatte, war klar, dass wenige seinem Ideal der Ehelosigkeit gewachsen waren, schreibt Lee und fügt hinzu:

Menschen heiraten nicht, weil sie dann das Recht auf Sex haben; sie heiraten aus Liebe und um der Gelegenheit willen, mit jemand anders ein gemeinsames Leben aufzubauen. Sie heiraten, weil es dann, wenn alles im Leben schief geht und die Probleme am Größten sind, tröstlich ist, wenn man eine Hand halten kann. Weil in der Dunkelheit der Nacht ein Bett sich viel weniger leer anfühlt, wenn da jemand neben dir liegt. (S. 103)

Aber eine echte Alternative scheint nicht in Sicht. Über die Frage, ob denn wenigstens eine nichtsexuelle, romantische Beziehung zu einem Mann erlaubt sei, schweigt sich die Bibel aus. Vielleicht gibt es da ohnehin keinen großen Unterschied? Ist also das zölibatäre Leben der Wille Gottes? Lee schreibt:

Ich habe keine Worte, die beschreiben könnten, wie sehr diese Frage auf mir lastete. Ich wusste, ich könnte mich nicht weiterhin als Christ bezeichnen, wenn ich nicht bereit war, alles hinzunehmen, was Gott für mich geplant hatte, selbst wenn das ein Leben in Einsamkeit bedeutete. Ich wusste auch, ich konnte Gott nicht belügen und so tun, als wäre mir das alles recht, um dann nach einer anderen Lösung zu suchen. Gott kennt dein Herz. Du kannst Gott nicht belügen. … schließlich kam ich zu der unausweichlichen Schlussfolgerung: Ich musste Gott folgen, was auch immer das hieß. (S. 104)

Er spricht das in einem sehr ehrlichen, berührenden Gebet aus und spürt, wie eine Woge des Friedens über ihn kommt.

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Torn (4) – Erfahrungen mit der „Ex-Gay-Bewegung“

Justin Lees Eltern, damit beginnt das sechste Kapitel von „Torn“, nehmen ihn auf eine Konferenz über Homosexualität mit. Dort hört er die im letzten Post kurz beschriebene These, es handele sich um die (prinzipiell therapierbare) Folge einer gestörten Elternbeziehung. Seine Einwände, das treffe unter anderem auch auf seine Lebensgeschichte nicht zu, finden kein Gehör. Am Ende fragt er sich:

Was für ein Dienst nimmt jemanden, der denkt, er hatte ein wunderbares Verhältnis zu seinem Vater, und überzeugt ihn davon, dass es in Wirklichkeit schlecht war? Das fühlte sich für mich immer weniger nach einem Werk Gottes an.

Er begegnet einer merkwürdigen Sprachverwirrung in der Ex-Gay-Szene. „Homosexuell“ wurde nicht (wie allgemein üblich) so verstanden, dass jemand sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, sondern als – in der Regel recht exzessiv ausgelebtes – sexuelles Verhalten. Folglich bezeugten etliche eine Veränderung ihres Lebensstils und der Ausstieg aus einer bestimmten kulturellen Szene, aber das bedeutete keineswegs, dass sich damit auch die sexuelle Orientierung verändert hätte. In der Regel war das offenbar nicht der Fall. Dennoch glaubten viele wohlmeinende Christen, dass tausende aus ihrer Homosexualität ausgestiegen seien und es damit auch erwiesen sei, dass ihr Freund oder Angehöriger darauf hoffen dürfe.

Lee erzählt in dem Kapitel unter anderem von seinem Freund „Terry“, der von diesen Versprechen angezogen verschiedene Therapiebemühungen unternahm. Terry war verwitwet, aber schon seine erste Ehe war er in der vergeblichen Hoffnung eingegangen, dass er seine Frau, die ihm eine gute Freundin war, im Laufe der Zeit körperlich anziehend finden würde. Nun riet man ihm zu, es erneut zu versuchen. Terry heiratete wieder, aber die zweite Ehe zerbrach, weil Terrys Empfinden sich nicht änderte. Er wandte sich verbittert über die Augenwischerei von der Kirche ab.

Wo die Wirklichkeit dem Wunschdenken geopfert wird (und man das mit „Glauben“ verwechselt), da wird es schwierig, ehrlich zu bleiben. Lee erinnert an eine Reihe von Skandalen der Ex-Gay-Bewegung: Colin Cook von „Homosexuals Anonymous“, der sich 1982 für geheilt erklärte, aber einem Zeitungsbericht zufolge noch acht Jahre später sexuellen Kontakt hatte zu Leuten, die er begleitete. Michael Busseé und Gary Cooper von Exodus International, die die dürren Erfolge ihrer Arbeit ins denkbar beste Licht zu rücken wussten – und sich dann in einander verliebten. John Paulk, der Vorzeigemann von Exodus International und Focus on the Family wurde von einem Aktivisten in einer Schwulenbar in Washington D.C. erkannt. Inzwischen hat Exodus International deutlich leisere Töne angeschlagen, damit aber auch etliche Mitgliedsverbände verloren.

Traurig bleibt in jedem Fall, dass allzu vollmundige Versprechungen vielen Menschen so viel Leid zugefügt haben, und dass das Versteckspiel offenbar noch nicht zu Ende ist.

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Torn (3): Warum sind manche Menschen homosexuell?

Für Justin Lee ist das aufgrund seiner Lebensgeschichte eine Frage geworden. Der eigene Wunsch nach Veränderung und die Forderungen aus seinem konservativ-evangelikalen Umfeld haben immer auch mit bestimmten Erklärungen des Phänomens Homosexualität zu tun. Zugleich war für Lee klar, dass seine persönliche Erfahrung bestimmte Theorien nicht bestätigt. Dazu zählen die folgenden drei Behauptungen, die er im fünften Kapitel von Torn. Rescuing the Gospel from the Gays-vs.-Christians Debate referiert (ich gebe das hier sehr gerafft und damit potenziell verkürzt wieder, bevor sich also jemand empört, bitte erst im Original nachlesen!):

1. Menschen sind homosexuell, weil sie sich dazu entschlossen haben. Nichts hätte ihm aufgrund seiner Herkunft ferner gelegen als das, schreibt Justin Lee dazu.

2. Menschen werden zu Homosexualität verführt: Auch das trifft in seinem Fall nicht zu, und so ist es wohl auch in den meisten anderen Fällen nicht.

3. Es liegt am Verhältnis zu den Eltern: Diese These stellte der Psychoanalytiker Irving Bieber in den sechziger Jahren auf, später wurde sie von der Theologin und Psychologin Elizabeth Moberly, später dann von Joseph Nicolosi vertreten: Ein schwieriges Verhältnis zu einem distanzierten Vater (und eine „gluckende“ Mutter) verursachen bei Heranwachsendes ein inneres Defizit, das dann durch homosexuelles Begehren kompensiert wird. Nun ist das ja keine ganz seltene Konstellation, die auch keineswegs in der Mehrheit der Fälle die beschriebene Wirkung entfaltet, und Justin Lee ist der lebende Gegenbeweis. Dabei hätte er diese Thesen gerne geglaubt, weil sie die theoretische Grundlage für viele Therapiebemühungen bilden. Bei seinen Nachforschungen fand Justin Lee aber keine glaubwürdigen Belege für die Stichhaltigkeit dieses Ansatzes.

Zuletzt wendet sich Lee von der Psychologie zur Biologie. Mehrere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass bei Homosexuellen bestimmte Strukturen im Gehirn eher dem ähneln, was in der Regel beim jeweils anderen Geschlecht als typisch gilt. Des bedeutet nun nicht, dass schwule Männer ein Frauengehirn hätten und lesbische Frauen ein Männergehirn, aber es gibt eben charakteristische Ähnlichkeiten. Sie könnten vom Hormonspiegel während der Schwangerschaft beeinflusst worden sein. Es ist anscheinend nicht ganz sicher, was nun Ursache ist und was Wirkung, die meisten Forscher gehen aber eher davon aus, dass die Unterschiede in der Gehirnstruktur schon von Geburt an da waren. Sie wirken sich auf Sprachvermögen und räumliche Vorstellung aus – an diesen Punkten unterscheiden sich heterosexuelle Frauen und Männer ja bekanntermaßen. Kleinere Unterschiede am Körper wie Länge der Finger, die Reaktionszeit beim Blinzeln oder die Häufigkeit von Linkshändigkeit wurden auch festgestellt.

Dazu kommt der „Ältere-Bruder-Effekt“: Statistisch gesehen ist Homosexualität häufiger bei Männern anzutreffen die mindestens einen älteren Bruder von der gleichen Mutter haben. Er ist auch dann nachweisbar, wenn der ältere Bruder nie im gleichen Haus lebte. Zu bestimmten Zeiten der vorgeburtlichen Entwicklung könnte das den Hormonhaushalt der Mütter beeinflusst haben und damit die Gehirnstruktur des werdenden Kindes. Diese These vertritt zum Beispiel Simon LeVay.

Lee hält den biologischen Ansatz für plausibler, derzeit aber ist noch nichts zweifelsfrei erwiesen. Soviel sollten sich alle Beteiligten eingestehen. Nun besteht die große Versuchung, dass jeder sich die Studie herauspickt, die den eigenen Standpunkt bestätigt und den gegnerischen „widerlegt“. Nur sind diese Überzeugungen oft genug theologische Urteile, die auf einer ganz anderen Ebene liegen als empirische Studien (zur Diskussion im deutschsprachigen Raum vgl. diese Übersicht). Welche Blüten das treiben kann, das zeigen Justin Lees Erfahrungen mit der „Ex-Gay-Bewegung“, die er im folgenden Kapitel ganz ausführlich schildert.

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Torn (2) – Der lange Weg zum offenen Wort

Justin Lee erzählt in Torn. Rescuing the Gospel from the Gays-vs.-Christians Debate seine Lebensgeschichte: Er wächst in einem liebevollen Elternhaus und in einer lebendigen, konservativen Gemeinde auf. Er hat Erfolg in der Schule und ist überall beliebt. Sein Lebenstraum ist es unter anderem auch, einmal zu heiraten und seinerseits eine Familie zu gründen. Doch dann stellt er fest, dass er homosexuell ist.

Lange kann er sich gar nicht eingestehen, wie er tatsächlich empfindet. Er freundet sich mit einem Mädchen an und die beiden gehen miteinander aus. Als ihm ein Freund offenbart, er sei bisexuell, versucht er es eine Weile mit dieser Selbstbeschreibung; aber je länger, desto deutlicher wird ihm klar, dass er sich definitiv nicht zu Frauen hingezogen fühlt. Er spricht mit der Freundin darüber, irgendwann nach langem Zögern auch mit seinen Eltern.

Die nächsten Jahre sind geprägt von der Hoffnung, dass sich alles noch ändert, und der Suche nach Mitteln und Wegen dazu. Er berichtet von Seelsorgegesprächen, Selbsthilfegruppen und allen möglichen Büchern. Seine Eltern stehen zu ihm, teilen und unterstützen den Wunsch nach Veränderung und haben die Sorge, dass ihr Sohn massiv abgelehnt werden könnte, ganz besonders im Umfeld der Gemeinde.

Am Ende des vierten Kapitels zählt Lee unterschiedliche Aussagen auf, mit denen Eltern besser nicht auf die Offenbarung reagieren sollten, dass ihr Kind homosexuell ist:

  • „Sag das bloß niemand“ wäre ein Satz, der Mensch in Angst und Isolation treibt und verhindert, dass sie lernen, offen über sich zu reden.
  • „Du bist nicht so wie diese Leute“ bezieht sich oft auf negative Klischees, die Eltern mit dem Begriff „homosexuell“ assoziieren, oft kann das bei dem Betroffenen die Sorge auslösen, dass es all die negativen Urteile auch zu erwarten hat, falls es seine Orientierung nicht unterdrückt oder verleugnet.
  • „Wie kannst du uns so etwas antun?“ ist ein Satz, mit dem die Familie dem Kind den schwarzen Peter zuschiebt und sich selbst als Opfer betrachtet, statt die in einem solchen Moment nötige Hilfe und Unterstützung zu bieten. Eltern machen statt ihres Kindes sich selbst zum Mittelpunkt.
  • „Was haben wir nur falsch gemacht?“ tappt auch in die Schuld-Falle, nur umgekehrt. Und wieder schwächt es die Beziehung zum eigenen Kind, die in diesem kritischen Moment doch gestärkt werden müsste.

Die letzte Reaktion hat mit der Frage nach den Ursachen von Homosexualität zu tun. Diesem Thema widmet sich Lee im nächsten Kapitel.

 

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HauptSache die Ordnung stimmt?

Das Gender-Thema bzw. dessen eigentümliche Behandlung in bestimmten Teilen des bunten christlichen Kosmos bewegt die Gemüter in meinem Bekanntenkreis. Krish Kandiah setzt sich hier mit Tim Keller auseinander, ein anderer Repräsentant der „Gospel Coalition“ hat Michael Frost beschäftigt, der auf einen Blogpost von Michael Bird verweist, es ist kein Geringerer als John Piper.

Geht es vielfach (etwa in der katholischen Kirche) nur um die Frage, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen oder Bischöfinnen, so steht hier bei Piper die Stellung der verheirateten Frau ihrem Ehemann gegenüber im Zentrum. Piper musste eine Aussage aus diesem Video klarstellen, in der er auf die Frage, was eine Frau denn tun solle, wenn ihr Ehemann sie misshandelt, geantwortet hatte, sie müsse das hinnehmen (sofern der Mann sie nicht zu verbotenen Dingen zwingen wolle) und könne sich ja gegebenenfalls an „die Gemeinde“ wenden, deren Aufgabe es dann sei, den Ehemann zur Ordnung zu rufen.

In seiner Klarstellung schreibt Piper nun, dass sich freilich auch Männer an die staatlichen Gesetze halten müssten und Frauen daher zu ihrem Schutz auch die Behörden hinzuziehen könnten, ohne sich der Insubordination schuldig zu machen. Das ist, so vermerkt Bird, schon mal erfreulich.

Aber ist es auch genug? Doch eher nicht! Piper schreibt unter anderem (zitiert bei Bird): „Dass sich eine Frau um Christi willen dem bürgerlichen Recht unterordnet, kann ihre Unterwerfung unter die Forderung eines Ehemanns aufheben, sich von ihm verletzen zu lassen.“

Ich finde dieses Denken in vertikalen Autoritätsstufen verstörend. Piper sagt doch im Grunde, dass eine Frau unter dem Mann steht und diesem selbst dann, wenn sie in der Beziehung Schaden nimmt, noch zu folgen hat – es sei denn, eine höhere Instanz greift zu ihren Gunsten ein. Aber er sagt eben kein Wort davon, dass Frauen von sich aus ihren Männern Grenzen setzen dürfen und dass Männer diese Grenzen zu respektieren haben.

Wenn Frauen dieses Unterwerfungsdenken einmal verinnerlicht haben, kann man dann (nach allem, was wir über Missbrauch wissen) noch ernsthaft davon ausgehen, dass sie sich im Fall von psychischer oder physischer Misshandlung durch das Familienoberhaupt tatsächlich an die Polizei wenden oder anderweitig Hilfe suchen? Mir scheint das alles andere als sicher.

Aber in einer postmodernen, pluralen Gesellschaft sind eben viele Lebensentwürfe erlaubt. Und die Bestsellerlisten des Buchhandels verraten ja auch, dass Unterwerfung und bewusst zugefügter Schmerz schwer im Trend liegen. Das jetzt psychologisch auszudeuten überlasse ich lieber den Expertinnen. Die Ironie an der ganzen Sache könnte aber eben die sein, dass diese Art von Theologie gerade von dem lebt, was sie vordergründig bekämpft, nämlich dem modernen Relativismus, der diese patriarchalischen Welten aufs Private begrenzt und die Tür zu einem Ausstieg auch ständig offen hält. So bekommt das alles etwas Spielerisches, und vielleicht sollte man es auch so betrachten, dann erspart man sich die Empörung.

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Tödliche Modernisierung

Vor ein paar Tagen hat der rein theoretische (das macht es freilich nicht besser) Vorschlag zweier australischer Wissenschaftler, Kinder noch nach der Geburt auf elterlichen Wunsch zu töten, für einen Proteststurm im Netz.

Am Freitag war in der Zeit diese Geschichte einer jungen Inderin zu lesen, die ihren Mann verklagte, weil der sie mit allen Mitteln zu einer Abtreibung ihrer Zwillingsmädchen zwingen wollte. Die Geschichte ist ein Beispiel für das Schicksal von Frauen in vielen asiatischen Ländern und den unabsehbaren Folgen dieser Katastrophe. Von einem Proteststurm habe ich bislang nichts bemerkt – dabei geht es hier nicht um Ideen, sondern um millionenfache Praxis.

Der Artikel zeigt einige überraschende Zusammenhänge auf: Hatte man früher noch gehofft, Bildung und technischer Fortschritt würden die Missachtung von Frauen und Mädchen allmählich beseitigen, so steht nun fest, dass das Gegenteil der Fall ist:

… drei Dinge haben die Lage der schwangeren Frau verändert: das Ultraschallgerät, das Kalkül der Kleinfamilie und die Abtreibungspille. Heute gibt es kein Geheimnis mehr um das Geschlecht des Kindes. Der Mann zwingt die Schwangere zur Ultraschalluntersuchung. Und wenn es ein Mädchen ist, kann die Mutter nicht mehr so leicht sagen: Dann versuchen wir es später noch mal. Denn auch sie möchte nur noch ein, höchstens zwei Kinder. Früher schon war eine Tochter wegen der höheren Aussteuer eine zusätzliche Last; heute fallen außerdem noch Schul- und Erziehungskosten für sie an. Außerdem will die Familie neben Kindern auch ein neues Auto. Deshalb müssen es weniger Kinder sein – und mindestens ein Sohn muss als Stammhalter her.

Nicht obskures Brauchtum oder irrationale Mythen aus grauer Vorzeit sind die treibende Kraft hinter diesen Morden, sondern die sozialen Aufstiegsträume. Religion (auch der Islam und der Hinduismus) hatten diese Tendenz bisher noch gebremst, so der Artikel. Der Verlust solcher Bindungen hat nun zum ungebremsten Geschlechtermord geführt. Die Konsumgesellschaft, so lautet das bittere Fazit, hat die Sitten verdorben:

»Die Motive für den Mord an der ungeborenen Tochter entstammen einer sehr zeitgemäßen Einstellung – man will große Hochzeiten, große Geschenke und einen stolzen Sohn, aber keine wirtschaftlich unnütze Tochter«, sagt Shanty Sinha, Vorsitzende der Nationalen Kommission für Kinderrechte in Indien. »Es geht um eine Brutalisierung der individuellen Einstellung zum menschlichen Leben, wie sie erst die Modernisierung hervorbringen konnte.«

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Männlich/weiblich/wirklich nützlich…?

Wir hatten diese Woche schon eine muntere Diskussion über John Pipers Thesen zu einem „maskulinen“ Christentum. Mein Standpunkt war und ist, dass die Anwendung dieser Begrifflichkeit auf Gott (der der Kirche ein „masculine feel“ verordnet)  ein theologisch problematisches Unternehmen ist, das man aus gutem Grund unterlassen sollte. Ähnlich urteilt auch Scot McKnight als bewusster Evangelikaler:

This is a colossal example of driving the whole through a word (“masculine”) that is not a term used in the New Testament, which Testament never says “For Men Only.” Pastors are addressed in a number of passages in the NT, and not once are they told to be masculine.

Ich will Piper jetzt nicht böswillig in die Pfanne hauen, aber da er sich auch diesseits des großen Teichs einer gewissen Anhängerschaft erfreut, darf man schon einmal einen Blick darauf werfen, was für Vorstellungen von Kirche und Christentum hier befördert werden (die Entscheidung des Bundes der FeG für Pastorinnen mit solchen Diskussionen über den Abfall von der reinen biblischen Lehre liegt ja noch nicht so lange zurück).

Piper hat seine Sicht in acht Thesen gefasst; für alle, die an meiner korrekten Wiedergabe zweifeln, hier erst einmal der O-Ton:

1. A masculine ministry believes that it is more fitting that men take the lash of criticism that must come in a public ministry, than to unnecessarily expose women to this assault.

2. A masculine ministry seizes on full-orbed, biblical doctrine with a view to teaching it to the church and pressing it with courage into the lives of the people.

3. A masculine ministry brings out the more rugged aspects of the Christian life and presses them on the conscience of the church with a demeanor that accords with their proportion in Scripture.

4. A masculine ministry takes up heavy and painful realities in the Bible, and puts them forward to those who may not want to hear them.

5. A masculine ministry heralds the truth of Scripture, with urgency and forcefulness and penetrating conviction, to the world and in the regular worship services of the church.

6. A masculine ministry welcomes the challenges and costs of strong, courageous leadership without complaint or self-pity with a view to putting in place principles and structures and plans and people to carry a whole church into joyful fruitfulness.

7. A masculine ministry publicly and privately advocates for the vital and manifold ministries of women in the life and mission of the church.

8. A masculine ministry models for the church the protection, nourishing, and cherishing of a wife and children as part of the high calling of leadership.

Auf Deutsch und in meinen Worten:

  • Männer verhindern wo immer möglich, dass Frauen beißender Kritik ausgesetzt werden, die die öffentliche Verkündigung des Evangeliums unweigerlich nach sich zieht
  • Männer vermitteln der Kirche „biblische“ Lehre, und zwar „mutig“ und mit großem Nachdruck (!).
  • Männer bringen das „Kantige“ des Evangeliums zur Geltung und reden Leuten ins Gewissen
  • Männer reden über unbequeme Wahrheiten, besonders zu denen, die nicht hören wollen (an erster Stelle steht bei Piper dann auch erwartungsgemäß die Hölle als eine solch unbequeme Wahrheit)
  • Männer machen die „Wahrheit der Bibel“ in Kirche und Welt zu einer dringlichen Sache (das Wortfeld des „Drängens“ wird hier dreimal bemüht!)
  • Männer jammern nicht, wenn sie auf Widerstände treffen beim Versuch, Prinzipen, Strukturen und Pläne für eine fruchtbare Kirche umzusetzen, sondern sie begrüßen das
  • Männer sorgen dafür, dass Frauen in der Kirche mitarbeiten können (NB: von Leitung steht da nichts…)
  • Männer betrachten es als Teil ihrer Leitungsaufgabe, vorbildlich für Frauen und Kinder zu sorgen

Welches Ideal von Mann- und Frausein spricht nun erstens aus diesen Thesen und inwiefern entspricht das zweitens dem Geist des Evangeliums? Zum ersten:

  • „Männlich“ ist der penetrante Streiter für die öffentliche Wahrheit
  • „Männlich“ ist der bibel- und prinzipientreue Erzieher und Lehrmeister
  • „Männlich“ ist der starke Beschützer und Fürsprecher von Frauen und Kindern

Das alles charakterisiert möglicherweise die Person John Piper ebenso wie den „unverblümten, männlichen Mr. Ryle“ aus dem 19. Jahrhundert, den er seinen Männern als Vorbild vor Augen stellt. Aber ist das denn maskulin – im Unterschied zu allem, was man mit Weiblichkeit verbindet? Besteht in diesen Dingen notwendigerweise ein Gefälle zwischen Frauen und Männern – sind Männer also mutiger, wahrheitsliebender, lehrbegabter und leidensfähiger als Frauen oder sollten sie es zumindest sein, wenn sie Männer „nach dem Herzen Gottes“ sein wollen? Oder doch eher die Kultur des Biedermeier? Und müssen/sollten christliche Leiter (so lässt sich die letzte These ja verstehen) eine große und glückliche Familie haben – Paulus hatte das ja wegen des entbehrungsreichen Dienstes (von dem Pipers erste These vermutlich spricht) in Frage gestellt, und Jesus war meines Wissens auch unverheiratet?

Zwar spricht Piper in seiner Rede durchaus davon, dass Frauen all das auch dürften, was er hier beschreibt, aber schon die erste These deutet an, dass es eigentlich nicht notwendig sein sollte, dass Frauen solche Dinge tun, wie sich öffentlich in Konflikte zu begeben, weil ihnen die Männer diese Arbeit schon abgenommen haben sollten. Erinnert das nur mich verdächtig an die galante Entmündigung der Dame durch den Kavalier?

Zweitens: Wenn überhaupt, dann ist diese Darstellung von „maskuliner Leitung“ in der Kirche einer einseitigen Wahrnehmung geschuldet. Zwei Beispiele nur: Statt Menschen anzupredigen und unter Druck zu setzen spricht Paulus in 2. Kor 5 etwa von der werbenden Bitte des Apostels an die Menschen, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Jesus, durchaus ein streitbarer Mensch, kann sich in Matthäus 23 weinend als „Glucke“ bezeichnen, die ihre Küken vor drohender Gefahr retten will. Pipers in aggressiver Diktion gehaltene Thesen lassen dafür wenig Spielraum, da wird für meinen Geschmack eher auf Konformität gedrängt statt auf Mündigkeit.

McKnight verweist als Antwort auf diese Diskussion unter anderem auf ein Buch von Beverly Gaventa mit dem bemerkenswerten Titel Our Mother Saint Paul. Ihr geht es nicht darum, Gott oder bestimmte Verhaltensweisen als maskulin oder feminin zu qualifizieren, sondern zu zeigen, wie Paulus für seinen Dienst an der Gemeinde neben väterlichen auch mütterliche Metaphern verwenden kann: Das Stillen (1Thess 2,7f.; 1Kor 3,1-3), das Gebären (Gal 4,17-20) und die kosmische Wiedergeburt (Römer 8,18ff.) mit den dazugehörigen Wehen.

Ob die Klassifizierung bestimmter hier beschriebener Verhaltensweisen als „maskulin“ uns weiterbringt, darf getrost bezweifelt werden. Auch Frauen sollen selbstverständlich tapfer streiten, mit oder ohne Männer in der Öffentlichkeit stehen oder sich schützend vor Schwächere stellen, gegebenenfalls auch vor in ihrer „Maskulinität“ verunsicherte Männer. Und auch Männer dürfen sich ein Beispiel am mütterlichen Apostel nehmen oder am gluckenden Jesus. Und mit den biblischen Wahrheiten (was auch immer der einzelne darunter versteht) darf man unaufdringlicher umgehen, getrost leiser davon sprechen, als das oben gefordert wird.

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Altes Lied, neue Strophen

Das Thema wird offenbar nie langweilig: Die Klage der Frauen über die Männer und die Klage der Männer über die Klage der Frauen. Der Feuilleton-Beitrag „Schmerzensmänner“ von Nina Pauer in der Zeit hat zahlreiche Antworten erhalten, unter anderem von Ina Deter und Johan Korndner in der taz und Christoph Scheuermann vom Spiegel. Persönlich fand ich aber die Replik aus Pauers eigenen „Stall“ am interessantesten. Sie stammt von Meli Kiyak, die zur Qual der Wahl im Zeitalter des totalen Konsums kritisch bemerkt:

In der Generation der 30- bis 40-Jährigen findet sich doch wirklich jeder, jede und alles, je nach Milieu, Bildung, Herkunft, Wohnort. Wer es nicht glaubt, schaue sich um. Es gibt Musikklubs, die nach Musikrichtungen unterteilt sind, es gibt Restaurants, die nur Knoblauchgerichte oder milchfreie Speisen anbieten, es gibt Boutiquen, die für schwangere Frauen ausgerichtet sind, und Kaufhäuser, die ausschließlich Geringverdiener im Blick haben, es gibt Spartenfernsehen, Spartenradio, Spartenbuchhandlungen, Spartenkontaktbörsen […]

Das Überangebot führt allerdings dazu, dass man mit seiner persönlichen Checkliste loszieht: »Wie soll er aussehen, passt er zu meinen Lebensmittelunverträglichkeiten und den Haustieren, wie viele Kinder und Ehefrauen darf er höchstens alimentieren? Wie präsentiert er sich bei Facebook, wie groß, wie dick ist er? Nein, nicht schon wieder einer mit Schuppenflechte, mit dem Letzten musste man auch schon auf gemeinsame Schaumbäder verzichten, und wenn man etwas liebt, dann Schaumbäder…« Allzu verständlich, dass der durch Überfluss verwöhnt Suchende seine Kriterien nicht ausgerechnet bei der Partnerwahl einschränken wird. Also macht man sich auf die Suche nach dem Richtigen, der zum richtigen Zeitpunkt alles richtig macht. Wenn Männer alles prima können, Geld verdienen, renovieren, sich um die Verhütung kümmern, Parfum benutzen, kann es nur noch an Details scheitern. Dann geht es nur um Melancholie, Ratlosigkeit, Nervosität und so. Wer Herrn Optimal und Fräulein Perfekt nicht findet, der schraubt nicht etwa seine Kriterien herunter, sondern verzweifelt gleich grundsätzlich. Wer so tickt, ist kein Mensch, sondern eine Suchmaschine.

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Warten auf Volf (1)

Mit der Übersetzung von Miroslav Volfs Exclusion and Embrace bin ich nun (endlich!) fertig und warte gespannt auf den Termin der Veröffentlichung. Sobald der feststeht, werde ich ihn hier bekanntgeben. In der Zwischenzeit poste ich immer mal wieder ein Appetithäppchen: interessante Beobachtungen oder provokative Thesen, die Fragen aufwerfen. Ausdiskutieren können wir das alles, wenn jeder das Buch auf dem Tisch liegen hat. Aber man kann mit dem Nachdenken ja schon mal anfangen 🙂

Los geht’s mit einer These zu „biblischem Mann- und Frausein aus Kapitel IV:

Biblisches „Frausein“ und „Mannsein“ – wenn es so etwas überhaupt gibt, so verschieden wie die männlichen und weiblichen Charaktere und Rollen, auf die wir in der Bibel stoßen, nun einmal sind – sind keine göttlich sanktionierten Modelle, sondern kulturell verortete Beispiele; sie sind Schilderungen von Erfolg und Scheitern der Männer wie der Frauen, dem Anspruch Gottes auf Ihr Leben in einer konkreten Lage gerecht zu werden. Damit sage ich nicht, dass die biblischen Konstrukte dessen, was Männer und Frauen […] tun oder lassen sollten, falsch sind, sondern dass sie in einem anderen kulturellen Kontext von begrenztem normativem Wert sind, da sie notwendigerweise mit spezifischen kulturellen Annahmen über geschlechtliche Identität und Rollen befrachtet sind.

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Führ‘ mit vier…

Zeit online berichtet von einem Kurs der European Leadership Academy, in dem Kinder mit Führungskräfte Lösungen für deren Problemstellungen erarbeiten. Offenbar ist die Fähigkeit, sich von Nicht-Profis etwas sagen zu lassen, eine wichtige Sache.

Das passt gut zusammen mit vier kurzen, knappen Ratschlägen für Führungskräfte die ich auf MinEmergent gefunden habe. Sie lauten:

  1. Sei nett
  2. Verbessere dich ständig
  3. Kommuniziere mehr als nötig wäre
  4. Halte mehr, als du versprichst

Wenn Stromberg diese Kniffe entdecken würde, könnten sie die Serie glatt absetzen. Wer keine Stromberg-Ambitionen hat und im Sinne von Tipp #2 noch gute Vorsätze für 2012 sucht, darf sich hier gern bedienen. Ich sollte vielleicht mal meine Kinder fragen, welchen dieser Tipps aus „führ mit vier“ ich besonders beherzigen muss.

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Kaiser Augustus, das Kindergeld und der Single-Malus

Weihnachten rückt in Sichtweite, der Kaiser Augustus hat wieder seinen liturgischen Auftritt und passend dazu habe ich heute eine interessante Sache entdeckt. Rodney Stark berichtet in The Rise of Christianity davon, dass dem Kaiser die niedrige Geburtenrate zu schaffen machte, Wegen der hohen Kindersterblichkeit und der relativ geringen Lebenserwartung (im Schnitt 30 Jahre, wenigstens bei Stadtbewohnern) schrumpfte die Schar seiner Untertanen stetig. Ehe und Familie standen bei den männlichen Römern nicht hoch im Kurs (nichts Neues also…), viele Kinder, vor allem Mädchen und sichtbar behinderte Buben, wurden zudem als Säuglinge ausgesetzt. Stark schreibt:

Im Jahr 59 v. Chr. erließ Cäsar ein Gesetz, das Väter von drei oder mehr Kindern mit Land belohnte, obwohl er Ciceros Rat nicht folgte, Ehelosigkeit unter Strafe zu stellen. Dreißig Jahre später, und erneut im Jahr 9, veröffentlichte der Kaiser Augustus ein Gesetz, das Männern, die drei oder mehr Kinder hatten, den politischen Vorzug gab und politische und finanzielle Sanktionen gegen kinderlose Paare, unverheiratete Frauen über 20 und unverheiratete Männer über 25.

Nur dass ich nicht missverstanden werde: Ich schlage nicht vor, dass wir es mit staatlichen Zwängen und Anreizen ähnlich halten. Mir geht es nur darum, dass unsere heutigen demographischen Probleme offenbar nicht neu sind und die staatlichen Maßnahmen offenbar auch nicht. Spätere Kaiser griffen zu ähnlichen Mitteln, Trajan subventionierte Kinder schließlich direkt. Ohne Erfolg – der Schwund gegen Ende der Republik und bis weit ins zweite Jahrhundert ließ sich nicht aufhalten.

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Verliebt – in was eigentlich?

Neulich schaute ich meinem Sohn über die Schulter, als er eine Hochzeitsszene aus How I Met Your Mother ansah. Das Paar – Marshal und Lily, wenn ich mich recht erinnere – hatte sein vorformuliertes Eheversprechen nicht zur Hand und beide formulierten frei. Nachdem die Regie keine Lacher aus der Dose eingebaut hatte, gehen wir mal davon aus, dass es wirklich romantisch sein sollte und keine Ironie.

Sie und er hielten jeweils eine kurze Rede über den anderen. Nun ja, eigentlich eben nicht über den anderen, sondern über sich selbst, und wie sie sich in der Gegenwart des anderen fühlen. Eigentlich hat also jeder die eigenen Gefühle beschrieben, bestenfalls den anderen im Spiegel derselben und als deren Ursache.

Nun ist es ja durchaus ein schönes Kompliment, wenn man zu hören bekommt, dass man jemand anderem gut tut. Irritierend ist dabei trotzdem die irgendwie doch recht narzisstische Grundhaltung: wirklich relevant ist eben das eigene Gefühl. Wie lange das Miteinander auf Feelgood-Basis gut geht, ist eine spannende Frage. Ob das, was sich da (wieder: für Autoren wie Zuschauer offenbar ganz unproblematisch!) als „Liebe“ äußert, den Namen wirklich verdient hat, weil der/die Andere als andere(r) gar nicht in den Blick kommt, sondern nur als Erweiterung des Selbst, das ist eigentlich schon keine Frage mehr.

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Weisheit der Woche: Authentizität

Authentizität ist eine terroristische kulturelle Idee. Sie zwingt einen, nach der Quintessenz des eigenen Wesens zu suchen: Aber oft gibt es diese Quintessenz nicht. Gefühle, ebenso wie Menschen, sind Größen, die sich verändern.

Die Soziologin Eva Illouz im äußerst lesenswerten Interview mit Spiegel Online

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Testosteronbiotope

Den nachfolgenden Text habe vor einer ganzen Weile für die Zeitschrift dran geschrieben. Weil die Ausgabe von damals die inzwischen in den Ablagen und Archiven schlummert, poste ich es hier als einen Beitrag zur „Helden-Diskussion“ der letzten Tage, nur ganz leicht überarbeitet.

Manchmal scheint das Klischee zu sein: Brave Männer kommen in die Kirche, böse überall sonst hin. Das Dauerthema „Identität der Geschlechter“ ist in unseren Gemeinden ständig präsent, selbst wenn es nicht ausdrücklich angesprochen wird. Generell stehen wir vor der Frage, wie wir mit einer zwar nachlassenden, aber an vielen Stellen eben noch spürbaren doppelten Schieflage umgehen: Oft noch relativ wenige Frauen in Leitungsfunktionen und oft gleichzeitig zu wenige Männer in den Gottesdiensten und bestimmten Arbeitsbereichen, denn nicht nur ein Kindergärten und Grundschulen, auch in den Kindergottesdiensten dominieren die Frauen. Kleine Jungs und junge, tatkräftige Frauen – beide finden zu wenig Vorbilder und Identifikationsfiguren. Ein Thema gegen das andere auszuspielen hilft also nicht weiter. Wenn ich im Weiteren hier über die Frage schreibe, was mit den Männern los ist, dann darf das nicht als indirekte Klage über eine „Verweiblichung“ der Gemeinden verstanden werden.

Sind christliche Männer also nur fromme Weicheier, die „echte“ Männer abschrecken, oder „flüchten“ die eher vor der Überzahl der Frauen? Ein Freund ist beruflich aus der Gemeinde in die Wirtschaft gewechselt. Dort trifft er viele Männer, die ein großes Bedürfnis haben, über den Glauben zu reden. Aber die Gemeinden in seiner Region sprechen sie einfach nicht an.

Die Bibel gibt uns keine direkten Anweisungen, was zu tun ist, um mehr Männer zu „erreichen“. Aber vielleicht sollten wir der Frage nachgehen, ob wir das Evangelium so weit privatisiert haben, dass viele Männer finden, für ihre Lebenswirklichkeit spielt es keine Rolle – es sei denn, sie sind (und das ist jetzt nicht ironisch gemeint) gerade im Erziehungsurlaub.

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen an sich sind unerheblich:

Frauen werfen nicht so gut. Sie sind weniger aufgeschlossen für One-Night-Stands, neigen nicht so stark zu körperlicher Aggression und masturbieren seltener. Die anderen Differenzen fallen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht (Aus „Frauen sind auch nur Männer“ in: Zeit Wissen 01/2007).

Die sozial konstruierten und historisch geformten Rollen – und im Zusammenhang damit die verschiedenen Lebenswelten – sind der Knackpunkt: Wir haben ja auch herzlich wenig „Karrierefrauen“ in den Gemeinden, die keinen sozialen Beruf haben. Karriere machen fordert oft einen unangemessenen Tribut: Gesundheitlich, familiär und spirituell. Unsere Karrieremodelle an sich sind krank, für Männer und Frauen.

Predigtinhalte bewegen sich in der Regel im Bereich persönlicher Moral (Ehrlichkeit, Treue etc.) und wenn es dann wirklich mal „politisch“ wird, geht es um Familie oder Abtreibung – schon wieder ein „Frauenthema“. Über Arbeit und Beruf wird selten gesprochen, und wenn, dann geht es wieder oft um Moral, und für „typisch männliche“ Sünden (die haben zumindest in der Regel des Klischees mit Sex zu tun) gibt es dabei deutlich weniger Verständnis. Wirtschaftsethik fehlt dagegen, auch wenn Kapitalismuskritik seit der Finanzkrise schon mal im Nebensatz einer Predigt erscheint.

Unsere dominierende Metapher für Gemeinde ist die Familie. Nur bedeutet Familie im 21. Jahrhundert „Kernfamilie“ (wenn nicht gar „Rumpf-Familie“), also emotionaler Nahbereich. Das war im ersten Jahrhundert und bis vor wenigen Generationen noch ganz anders, auch wenn wir damals wie heute dieselben Begriffe verwenden. Viele Männer fühlen sich, gerade wenn sie einen Job mit Verantwortung haben, in der eigenen Familie aber schon fremd (ähnlich wie Kaufleute im Mittelalter, die Monate auf Reisen waren), folglich erst Recht in der Gemeinde.

Erschwerend kommt dann noch die ausgesprochen intime Lobpreiskultur dazu, mit viel Herz und erkennbar weniger Anforderung an den Intellekt. Das romantisierende Motto „In Love with Jesus“ mag für Frauen ja noch ohne Peinlichkeiten abgehen, aber auf die meisten Männer wirkt es schon etwas gewöhnungsbedürftig. Sie sitzen (zumindest in der Öffentlichkeit) auch nicht so gern „auf dem Schoß des Vaters“. Und das müssen sie auch nicht, denn in der Bibel wird die Liebe zu Gott weder zu romantischem Geturtel verklärt noch auf Babyniveau verniedlicht.

Im Griechischen ist ekklesia – das in unseren Bibeln mit „Kirche“ übersetzt wird – ein Begriff aus der Politik. Wir sind nicht nur Gottes Familie, sondern sein Volk. Diese weitere Dimension fehlt heute an vielen Stellen, wo das Evangelium auf Lebenshilfe im Beziehungsbereich reduziert wird. Dabei war es mal eine Botschaft, deren Träger wegen Hochverrats als Staatsfeinde hingerichtet wurden.

Heute beschränken sich viele Gemeinden auf das Private und Intime, sie ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück – ein Trend, der geschichtlich gesehen in Freikirchen und im Pietismus besonders ausgeprägt ist. Und wegen manch missglückter Politisierung zur Rechten und Linken legt man in vielen Gemeinden Wert darauf, überhaupt nicht politisch zu sein, nach dem Motto, wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Nur geht das doch gar nicht: Wenn wir zu den meisten politischen und gesellschaftlichen Themen schweigen, sagen wir damit indirekt, dass sie Gott egal sind. Und diese Botschaft wird sehr wohl verstanden!

Christliches Machotum oder fromme Cowboy-Erlebnispädagogik ist für mich keine ausreichende Lösung. Damit schafft man künstlich Reservate in einer immer noch widrigen Umgebung. Vermutlich helfen uns auch die autoritätslastigen, patriarchalischen Männerideale vom „Haupt der Familie“ nicht weiter, die bei vielen die normale Überforderung im Spannungsfeld Familie-Beruf-Gemeinde noch potenzieren.

Das Problem sind nicht die Männer („zu weich“, „zu hart“, „zu oberflächlich“) und auch nicht die Frauen („zu viele“, „zu stark“, „zu emanzipiert“). Das Problem ist, dass wir Glauben privatisiert, moralisiert und in einer ganz bestimmten intimen Tonlage emotionalisiert haben. Wir brauchen daher keine Testosteronbiotope, sondern einen grundlegenden Kulturwandel in den Gemeinden, der auch vielen Frauen gut tun wird: Wir müssen uns auf unsere komplizierte und unheile Welt einlassen, uns Fragen stellen, auf die man nicht sofort eine Antwort und die passende Bibelstelle dazu weiß. Sonst nehmen Männer uns – völlig zu Recht – nicht ganz ernst.

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