Vier Jahre 

Heute vor vier Jahren rollten die ersten russischen Panzer über die ukrainische Grenze, Bomben fielen auf Kindergärten und Kliniken, Brücken und Kraftwerke wurden und werden zerstört. Deswegen sind meine Gedanken heute bei den Menschen in Kijiv und Charkiv, in Odessa und Lwiw.

Bei allen, die Väter oder Söhne, Mütter oder Töchter verloren haben. Oder Nachbarn, Freundinnen und Kollegen. Bei allen, die in drückender Dunkelheit und bitterer Kälte ausharren und auch noch anderen helfen, die das selbst nicht mehr können. 

Wie schwer waren die paar Wochen und Monate Corona-Lockdown für uns. Wie viel schwerer ist das, was die Ukrainer:innen erleben: Vier Jahre Angst, Zerstörung, geraubte Zukunft, vier Jahre warme Worte und maue Hilfe aus dem Westen. 

Ich weiß, es gibt gerade sehr viele schlimme Nachrichten und ich kann gar nicht alles an mich heranlassen. Aber heute, heute darf es mir wehtun und mich beschweren. Und morgen vielleicht nochmal. Denn der erste Schritt, das Leid zu beenden, ist es anzuerkennen. Dass ich hinsehe und zuhöre und Anteil nehme. Und viele andere hoffentlich auch. Wenigstens für einen ausgiebigen Augenblick.

Foto: Max Kukurudziak auf Unsplash.com

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Naturverbundenheit und Spiritualität

Wie naturverbunden sind wir Menschen, und wie unterscheidet sich das von einem Land zum anderen? Wissenschaftler:innen haben das untersucht. Nepal führt die Liste an, es folgt der Iran – was ich schon überraschend fand (die Erklärung der Forschenden folgt unten). Kroatien und Bulgarien schaffen es als einzige europäische Länder in die Top Ten.

Am Ende der Liste von 61 Ländern, in den Bottom Ten quasi, finden sich deutlich mehr Europäer: In absteigendender Reihenfolge stehen da Russland, Irland, Großbritannien, die Niederlande, Deutschland und, ganz unten, Spanien. Wer hätte das gedacht. Wir sind längst nicht so grün, wie wir denken (oder wie manche so lauthals beklagen). Wie Frank Adler letzte Woche schrieb: Das grüne Jahrzehnt ist vorbei. Naturverbundenheit und -schutz wird aus „Kostengründen“ zusammengestrichen. Die Folgen für das Wohlbefinden werden nicht ausbleiben.

Der Guardian schreibt dazu: "Naturverbundenheit ist ein psychologisches Konzept, das erforscht, wie eng die Beziehung eines Individuums zu anderen Spezies ist. Studien haben herausgefunden, dass Menschen mit einer hochgradigen  Naturverbundenheit ein größeres Wohlbefinden genießen und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit umweltfreundlich verhalten. Ein geringes Maß an Naturverbundenheit erwies sich – neben der Ungleichheit und dem Vorrang des materiellen Gewinns einzelner  – als eine von drei Ursachen für den Verlust von Biodiversität."

Warum der Perspektivwechsel so zäh voranschreitet

Der Befund erklärt, warum Klima-, Umwelt- und Artenschutz bei uns politisch so schwer durchzusetzen sind: Wohlstand ist bei uns ausschließlich finanziell, materiell und quantitativ definiert. Die Interessen der Wirtschaft (sprich: die Vermehrung von Kapital) haben in der Regel Vorfahrt. Dass es bei uns und z.B. auch im Vereinigten Königreich viele Projekte und Initiativen zum Naturschutz gibt, ändert auch nichts an der schlechten Bilanz.

Interessant und diskussionswürdig fällt die Ursachenforschung der Autor:innen aus: Spiritualität und Religiosität werden als Schlüsselfaktor dafür genannt, dass Menschen eine Verbindung zu ihren Mitgeschöpfen empfinden und sich in ihrem Handeln davon beeinflussen lassen. Das gilt für ganz unterschiedliche Religionen. „Konfessionelle“ Unterschiede (Protestanten/Katholiken/Orthodoxe bzw. Schiiten/Sunniten) werden dabei nicht untersucht, auch nicht der drittletzte Platz des Staates Israel – das alles wäre sicher noch spannend.

Sacred Urban Nature

Ein Kulturwandel ist erforderlich, sagt Professor Miles Richardson von der Universität Derby dazu im Guardian. Nicht nur, um die gefährdete Natur zu retten, sondern um der inneren und äußeren Gesundheit der Menschen willen. Nicht nur das Verhalten muss sich ändern, sondern das Fühlen, Empfinden und der Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu allem, was lebt – allem, was keine Maschine ist. Richardson fragt daher: „How do you create sacred urban nature? It’s easy to build a park but it needs to go deeper than that.“ Grünanlagen allein reichen

Bischof Graham Usher aus Norwich, der Heimat von Dame Julian, umweltpolitischer Sprecher der Church of England, verweist auf Jesusworte zu Lilien auf dem Feld und Vögeln am Himmel und auf die heilsame Wirkung von Naturerleben, auf Waldkindergärten und Wild Church.

Erheblicher Nachholbedarf

So weit, so richtig. Aber weder der Bischof noch der Guardian thematisieren die jahrhundertelange Komplizenschaft christlicher Theologie und Akteure bei der neuzeitlichen Objektivierung, Plünderung und Ausbeutung der Natur durch Mensch und Kapital.

Dieser Nachholbedarf besteht auch (und vielleicht erst Recht) bei uns Evangelischen in Deutschland. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Menschen in kirchlicher Führungsverantwortung gefragt, ob mein Eindruck stimmt, dass unsere Haltung und unsere Aussagen zur Demokratiekrise viel klarer und engagierter ausfallen als zur Klimakatastrophe und zum Artensterben. Niemand hat widersprochen. Vor Kritik an einer Wirtschaft und einer Politik, die aggressiv unsere Lebensgrundlagen zerstört, scheuen unsere Pressestellen und Repräsentanten immer noch ängstlich zurück. Wenn sie die Notwendigkeit überhaupt anerkennen. Und auch in den Kirchen ist Natur- und Klimaschutz aus Kostengründen oft massiv eingeschränkt.

Dabei wäre ein entschiedenes Eintreten für einen Bewusstseinswandel genauso wichtig wie die Positionierung gegen Rechts. Dass es so oft ausbleibt, ist auch ein Anzeichen für ein spirituelles Defizit.

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Tag der Schwertschlucker

Ihr wusstet das alle bestimmt, ich hab’s gerade erst entdeckt: Der 23. Februar ist der „Tag der Schwertschlucker“. Unter all den anderen Gedenktagen schillert er irgendwie übermütig heraus. 

Wären nicht gerade Ferien gewesen, ich hätte meine Grundschüler gern gefragt, wer weiß, was ein Schwertschlucker ist. Vielleicht dient das Gedenken ja dazu: diese seltene Kunst vor dem Vergessen zu bewahren.

Vielleicht brauchen wir den Tag auch, weil Schwertschlucken keine ganz ungefährliche Sache ist und deshalb am Aussterben. Oder weil die Versicherungsprämien der Schwertschlucker inzwischen so hoch sind, dass es sich nicht mehr lohnt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich jedenfalls schon ein leichtes Kratzen im Hals.

Heute ziehe ich meinen Hut vor allen Schwertschlucker:innen. Außer Schaukämpfe, die auch niemanden verletzen, gibt es wenig Sinnvolleres, was man mit einem Schwert anfangen kann.

Vielleicht kommt in den nächsten Jahren der Tag der Drohnenschlucker oder der Streubombenlutscher noch dazu?

Das wäre doch ein gutes Zeichen!

Foto: Jonathan Kemper via unsplash.com

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Spatzenhirne

Selbstfahrende Autos. Seit Jahren wird das angekündigt, erprobt, ausgewertet. Bald soll es so weit sein, heißt es. Ich schaue auf die Straße und stelle mir vor, wie es dann wohl zugeht. Vielleicht ja weniger impulsiv und aggressiv, das wäre schön. Und alle Beschwipsten und Bekifften kämen sicher von A nach B.

Aber erst müssen die Sensoren noch besser werden. Die KI muss noch dazu lernen. Die Bordcomputer brauchen mehr Rechenleistung. Dann klappt’s bestimmt.

Ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei. Sie zischen pfeilschnell durch kleine und kleinste Lücken im Gebüsch. Sie stoßen auch im Schwarm nicht zusammen und ecken nirgends an. Schon krass, denke ich mir, was so ein Spatzenhirn leistet. 

In meinem Menschenhirn formt sich ein Gedanke: Wie kommt es, dass uns die KI, die wir geschaffen haben, offenbar so viel mehr fasziniert als das, was Gottes Geschöpfe so alles drauf haben? Immerhin gehören wir selbst ja auch zu diesen wundersamen Wesen. Vielleicht sollte ich aufhören, das als selbstverständlich zu betrachten.

(Foto von P A auf unsplash.com)

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Das verlorene Paradies  

Auf unserem Tisch steht eine Kerze, und immer bevor wir essen, zündet meine Frau sie an. Immer. Irgendwann war sie den Plastikmüll der Wegwerffeuerzeuge leid und kaufte – total retro – eine Schachtel Streichhölzer. Aber dann stellten wir fest, dass wir meistens zwei, drei oder gar vier Streichhölzer brauchen, um die Kerze anzuzünden. Sie brechen, der Kopf platzt ab, die Reibefläche schlägt keine Funken.

Früher, lange vor den Einwegfeuerzeugen, war das anders mit den Streichhölzern. Ab und zu zerbrach auch mal eins, aber in der Regel klappte es auf Anhieb. Komisch, dass wir das heute nicht mehr können. 

Oh weh, denke ich mir, jetzt klingst du schon schwer nach „früher war alles besser“. Nein, nicht alles. Aber die Streichhölzer schon. Das Problem steckt ja nicht im „früher“, sondern im „alles“. Die Nostalgie sucht das verlorene Paradies in der Vergangenheit. Der Fortschrittsglaube projiziert es in die Zukunft und fordert mehr Anstrengung. Klappt, naja, so mittel: Wir reißen beim Fortschreiten leider viel zu viel von dem, was wir mühsam aufbauen, mit dem Hintern wieder ein.

Ich schaue wieder in meine Kerze. Bei all dem Vor und Zurück vergesse ich leicht, dass Gott mir gerade jetzt nahe ist. Und mit ihm – ganz ohne Anstrengung – ein kleines Stück Paradies.

(Foto: Andrew D via unsplash.com)

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Schlecht gealtert

Es ist genau 50 Jahre her, da landete der Niederländer Nico Haak einen Hit in Deutschland: Schmidtchen Schleicher. Im Internet steht bis heute: „Ein lustiges Lied über einen Tänzer, der die Frauen mit seinen elastischen Beinen begeistert.“

Viele haben damals begeistert mitgesungen. Aber eine Zeile ist schon ganz schön „cringe“, um es mal vorsichtig zu sagen „die Frauen fürchten sich und fangen an zu weinen – doch Schleicher Schmidtchen schleicht sich immer wieder an“. Der Mann als Jäger, die Frau als Beute. Sie weiß bloß noch nicht, dass sie es eigentlich will. Ja ja…

Klar sagen jetzt manche: Das war doch nur Spaß. Aber es gibt eben auch echtes Stalking und sexualisierte Gewalt, und zwar nicht zu knapp. Und so mancher Übergriff wird vom Täter als Späßchen verharmlost. Wer sich dagegen wehrt, ist kein hysterisches Sensibelchen und absolut im Recht.

So, wie einen guten Tänzer das Gefühl für Rhythmus, Takt und den richtigen Abstand ausmacht, so sollte das auch im Büro und überall sonst funktionieren. Dann tanzen auch alle gern mit.

Foto: Dan Calderwood/unsplash.com

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Mensch, Meier!

Am 8. März wird wieder gewählt. Mit meiner Wahlbenachrichtigung habe ich eine Anleitung bekommen, wie ich meine Stimmen richtig abgebe. Dort sind fiktive Kandidatenlisten abgebildet. Die Kandidierenden heißen Maier, Huber, Schuster, Müller oder Fischer. Alles schöne alte und sehr, sehr deutsche Namen. 

Aber in Nürnberg haben 52 Prozent der Einwohner:innen einen Migrationshintergrund. Die Meiers und Müllers sind nicht mehr die Mehrheit. Und selbst die Partei, die daraus gern eine Katastrophe machen würde, hat auf ihrer Liste ein paar fremdländische Nachnamen. Ohne die geht es offensichtlich auch bei denen nicht. 

Als Christ sage ich: Das ist gut so. Und ich würde mich freuen, wenn statt dem einseitigen und verstaubten Gehubere beim nächsten Mal ein paar schöne türkische, ukrainische oder eritreische Namen in meiner Anleitung auftauchen würden. Wenn Ihr mögt, schlagt doch den Mitarbeitenden im Wahlamt welche vor. Das wäre mal eine echte und längst überfällige Alternative.

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