Meditieren mit den Füßen auf dem St Cuthbert’s Way

Ende Oktober war ich auf dem St. Cuthbert’s Way unterwegs. Sechs Tage zu Fuß von Melrose in den Scottish Borders nach Lindisfarne in Northumberland. Auf den Spuren des großen angelsächsischen Heiligen aus dem siebten Jahrhundert, der Novize in Melrose war und später Prior und Bischof von Lindisfarne.

Ich bin den Weg ganz bewusst allein und als Pilgerweg gegangen. Und hatte mir als Motto einen Gedanken von Friedrich Nietzsche eingepackt:

So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.

Nach einem Tag Anreise mit der Bahn (trotz Sturmtief über Europa hatten alle Umstiege geklappt) von Nürnberg nach Durham stand ich am nächsten Morgen auf, ging in der Morgensonne ein Stück am River Wear entlang und dann hinauf in die Kathedrale. Samstags um halb neun war es dort noch ganz still und leer, nur hinter dem Hochaltar hatte sich eine kleine Gruppe zum Morgengebet am Grab von St. Cuthbert eingefunden. Einen schöneren Einstieg ins Pilgern hätte ich mir kaum vorstellen können.

Geschichte unter den Füßen

Die Bahn brachte mich dann über Edinburgh Waverley in die Scottish Borders. Dort am River Tweed wartete die erste der insgesamt vier Border Abbeys, die die schottischen Könige im 12. Jahrhundert erbauen ließen. Das keltische Vorgängerkloster lag ein bisschen weiter flussabwärts. Der St. Cuthbert’s Way führt aber dort nicht vorbei (es gibt auch nichts mehr zu sehen), sondern über die Vulkankegel der Eildon Hills nach St. Boswells – benannt nach dem Iren Boisil, Lehrer und Mentor des jungen Cuthbert. Auf den ersten Etappen sind drei der vier Border Abbeys zu sehen: Melrose, Dryburgh und Jedburgh. Für die letzte muss man ein paar Kilometer vom eigentlichen Weg abweichen. Nur Kelso bleibt buchstäblich links liegen. Alle Border Abbeys sind Ruinen. Wenn es nicht die Kriege zwischen England und Schottland waren, dann die Reformation.

Ich befinde mich auf geschichtsträchtigem Boden. In den Eildon Hills gab es eisenzeitliche Befestigungen, in Melrose stand das Römerlager Trimontium und einige Kilometer des Pilgerwegs verlaufen auf der Route einer Römerstraße. Im Alltag mache ich mir das selten bewusst, wer da alles schon vor mir unterwegs war und wie lange. Der Weg verbindet über die lange Zeit hinweg. Ich folge in den Fußstapfen vieler anderer, auch wenn ich ganz allein unterwegs bin. Die Geschichte, die mich dabei am meisten interessiert, ist die des jungen Angelsachsen Cuthbert. Mary Low weiß in ihrem Buch über den St. Cuthbert’s Way für jeden Abschnitt des Weges etwas zu erzählen.

Wind und Wetter um die Ohren

Es liegt nahe, den Weg von West nach Ost zu gehen. Die Chronologie passt zur vorherrschenden Windrichtung. Und Ende Oktober ist es ein großer Unterschied, ob der Wind mich schiebt oder mir ins Gesicht bläst. Natürlich war ich auch auf Regen eingestellt, aber am Ende waren die wasserdichten Sachen nur am zweiten Tag nötig, sonst war es ganz überwiegend trocken und oft auch sonnig. Die Tage wurden kurz, die Sonne ging gegen halb fünf schon unter, für ausgedehnte Pausen oder größere Umwege war kaum Zeit. Aber die Beschränkung der Zeit fokussiert auch – der Blick geht konsequenter als sonst nach vorn, auf den Weg.

Mein wunder Punkt

Ab dem dritten Tag wurde das Etappenziel auch aus einem weiteren Grund immer wichtiger: Ich stellte fest, dass meine Beine 25 km am Tag locker wegsteckten und dass mein mit viel Bedacht gepackter Rucksack gut zu tragen war. Was ich nicht erwartet hatte, waren die wunden Füße. Meine alten, eingelaufenen Wanderstiefel entpuppten sich als zu eng. Über Nacht erholten sich die Füße immer ein bisschen, die erste Hälfte des Tages ging einigermaßen, aber dann schmerzte jeder Schritt – bergab immer noch etwas mehr als bergauf. Die Landschaft war immer noch wunderschön, aber der Genuss war getrübt und die Gedanken wollten auch zu keinen größeren Höhenflügen mehr ansetzen. Außer der nicht ganz unwichtigen Einsicht, dass ich es für völlig selbstverständlich gehalten hatte, dass mich meine Füße den ganzen Weg tragen. Aber das war es nicht, ich hatte sie zu sehr strapaziert. Am vierten Tag bog ich für das letzte Drittel vom Weg durch die Cheviot Hills ab und nahm den Bus nach Wooler. Es fühlte sich ein bisschen nach Niederlage an. Aber ich wusste: Es war richtig, Rücksicht zu nehmen und die Grenze zu respektieren, die der Schmerz markierte.

Das Finale

Nach Hoły Island, da muss man barfuß gehen, sagte eine Einheimische zu mir am Morgen vor dem letzten Stück Weges. Ich hatte das letztes Jahr schon mal gemacht, aber das war Anfang Juni gewesen und mit unversehrten Füßen. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich den Rat befolgen sollte. An der Nordsee angekommen, zog ich die Schuhe aus und lief den Pilgerweg über den nassen Sand barfuß. Lindisfarne ist eine Gezeiteninsel. Als ich ankam, hatte ich sämtliche Blasenpflaster verloren. Das Meerwasser tat der Haut gut. Ich schrubbte den nassen Sand ab, zog Socken und Stiefel wieder an und ging zur Priory, der letzten und wichtigsten Klosterruine auf diesem Pilgerweg. Es waren Herbstferien und der Ort voller Ausflügler. Etwas abseits sind auf einer Erhebung die Grundmauern der Kirche des keltischen Klosters zu sehen. Man kann schön nach Bamburgh hinüberschauen, wo die Könige von Northumberland residierten. Es war kühl und hinter den Wolken sank die Sonne dem Horizont entgegen. Ich entschloss mich, den Rückweg noch einmal barfuß zu gehen. Diesmal war ich ganz allein. Auf einer Sandbank in der Nähe konnte ich im schwächer werdenden Licht eine Gruppe Kegelrobben sehen. Der Wind trug ihren mehrstimmigen Gesang herüber über die stille Meerenge. Ich war, von ein paar Seevögeln abgesehen, in diesem Konzert der einzige Zuhörer. Nach einer Weile verlor sich der Gesang in der Ferne. Aber der Zauber dieses Abschieds begleitete mich in die anbrechende Nacht.

Die innere Unruhe, die ich am Grab des Cuthbert noch mit mir herumgetragen hatte, war verschwunden. Sie ist, wie die Pflaster, buchstäblich irgendwo auf der Strecke geblieben. Eine große Dankbarkeit ist an ihre Stelle getreten.

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Die Stunde der Misfits

Der Advent beginnt mit einer Kerze. Und je dunkler die Tage werden, desto mehr festliche Lichter kommen dazu. Leuchtende Kinderaugen, Süßigkeiten, Geschenke. So weit, und hoffentlich so gut. Schön, dass bald Weihnachten ist. Aber davon wird die Welt ja nicht automatisch besser. Das Gute in meinem Leben und in der Welt kennt leider weder Kalender noch Jahreszeiten. Es hält sich an überhaupt keinen Fahrplan. Krisen und Katastrophen beherrschen nach wie vor die Schlagzeilen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen wenigstens zeitweise den Nachrichten aus dem Weg. So viele waren es noch nie. Und ich kann das gut verstehen. Es ist schwer auszuhalten.

Da hilft nicht einmal Urlaub. Selbst im idyllischen Irland haben stoplere ich dieses Jahr über die eindringlichen Mahnmale der großen Hungersnot. Das erste gleich auf dem Weg vom Hafen in die Innenstadt von Dublin, das andere tags darauf ganz im Westen am Fuß des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren. In Irland brach 1845 die Kartoffelfäule aus. Eine Million Iren verhungerten, auch weil die englischen Grundherren keinen Finger krumm machten. Seit sieben, acht Generationen arbeiten sich die Iren an ihrem nationalen Trauma ab. Der Anblick erinnert mich sofort wieder an himmelschreiendes Elend heute, vor allem den Hunger der Menschen in Gaza und im Sudan. Und ich frage mich: Wie lange wird der dunkle Schatten auf den Kindern und Kindeskindern derer liegen, die das jetzt alles durchmachen?

Was kann ich von Gott erwarten? Einen Hinweis darauf habe ich in einer Geschichte aus der Bibel entdeckt, die vor fast dreitausend Jahren spielt. Sie erzählt dramatisch von Hunger, Krieg und Tragödien; aber sie steckt auch voll rebellischem Humor. So, dass ich das Gefühl habe: Nicht ich lese diese Geschichte, sondern diese Geschichte liest mich und meine Gegenwart.

Von Feinden umzingelt

Wir befinden uns in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Auch da gibt es Krieg und Hungersnot (2. Könige 6,24-7,20): Die feindlichen Aramäer haben einen Belagerungsring um die Stadt Samaria gezogen. Es herrscht Hyperinflation bei Lebensmitteln, schließlich gehen sie ganz aus. Die Leute schwanken zwischen Resignation und Panik. Ein Fall von Kannibalismus sorgt für Aufsehen. Und mittendrin der König von Israel, der erschüttert die aussichtslose Lage besichtigt.

Als der König … auf der Mauer entlangging, sah das Volk, dass er ein Bußgewand auf dem bloßen Leib trug. Er rief: Gott soll mir dies und das antun, wenn Elischa … bis heute Abend seinen Kopf behält.

Bevor er verhungert oder kapituliert und vermutlich getötet wird, hat der König noch eine alte Rechnung zu begleichen. Sein treuester Kritiker, der Prophet Elischa, ist auch in der Stadt. Immer wieder hat Elischa den selbstherrlichen Monarchen die Leviten gelesen, ihr Unrecht angeprangert und vor den Folgen gewarnt. Ihn sterben zu sehen, würde die Gefahr zwar nicht abwenden, aber dem König ein bisschen Genugtuung verschaffen. Und die Illusion aufrechterhalten, dass er ein mächtiger und tatkräftiger Mann ist – wenigstens noch ein paar Stunden lang.

Und ich, der fast 3.000 Jahre später davon liest, staune nicht schlecht über die Parallelen: Damals wie heute leiden die großen und kleinen Despoten unter einem Belagerungssyndrom. Alles, was ihnen nicht unterwürfig genug ist, deuten sie als Generalangriff und Majestätsbeleidigung. Kritik im Inneren wird, wenn der Druck von außen zunimmt, nur um so brutaler bekämpft. Und nicht selten versuchen diese Machthaber, ihre Racheakte und Rechtsbrüche religiös zu bemänteln. Sie benutzen Gott, um ihre Willkür zu legitimieren. Aber sie pfeifen auf sein Recht, das die Schwachen schützt.

Für den König von Israel ist Elischa, der ihm ständig widerspricht, ein Verräter. Doch Elischa ist erstens ein Prophet, und er kennt den König zweitens gut genug, um dessen Mordgedanken vorauszuahnen. Die Tür ist fest verbarrikadiert, als der König mit Leibgarde vor seinem Haus aufkreuzt. Er steht draußen – frustriert, dass er seinen Kontrahenten nicht zu fassen kriegt.

Und da entfährt ihm der vermutlich ehrlichste Satz seit Langem:

„Dieses Elend kommt vom Herrn. Was soll ich noch vom Herrn erwarten?“

Was soll ich noch vom Herrn erwarten? Das haben sich damals vermutlich alle in Samaria gefragt. Mit dieser Frage bin auch ich heute am ersten Advent garantiert nicht allein. Was kann ich von Gott erwarten angesichts der harschen, bitteren Realitäten im Advent 2025? Die ungelöste Klimakrise, die wackeligen Demokratien, die wachsende Armut und Ungleichheit, die Rückkehr des Faustrechts in die Weltpolitik – und von den persönlichen Krisen und Tragödien in meiner Umgebung haben wir noch gar nicht geredet. Hat Gott sich aus der Welt zurückgezogen und überlässt uns unserem mal mehr, aber oft auch weniger verdienten Schicksal? Wer kann sich ohne rosa Brille einen Advent – Gottes Ankunft in der Welt, dieser Welt – vorstellen?

Was kann ich von Gott erwarten? Wenn irgendwer auf diese Frage eine Antwort weiß, dann vermutlich der Prophet. Und tatsächlich hat Elischa dem König etwas zu sagen. Es kommt schroff und unverblümt heraus wie immer, wenn er spricht, aber diesmal sind es unverschämt gute Neuigkeiten:

Elischa entgegnete: Hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit kostet am Tor von Samaria ein Eimer Feinmehl nur noch einen Schekel und auch zwei Eimer Gerste kosten nur noch einen Schekel.
Der Adjutant, auf dessen Arm sich der König stützte, antwortete dem Gottesmann: Selbst wenn der Herr Schleusen am Himmel anbrächte, könnte das nicht geschehen. Elischa erwiderte: Du wirst es mit deinen eigenen Augen sehen, aber nicht davon essen.

Elischa ist doppelt belagert, von den Aramäern und seinem König. Trotzdem ist er wohl die einzige Person in der Stadt, die nicht am Belagerungssyndrom leidet. Der nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starrt oder blind um sich schlägt, wenn er nicht weiter weiß. Aber was er da von sich gibt, ist für den König und seine Offiziere einfach zu gut um wahr zu sein. Der Stabschef winkt ab. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist so ein vollmundiges Versprechen, das die Enttäuschung nur noch verschlimmern könnte, falls es nicht in Erfüllung geht. Besser den Ball flach halten…

Hier bricht das Gespräch zwischen König und Prophet ab. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu tun. Alle warten ab, was als nächstes geschieht. Und als es dann geschieht, bekommt es erst einmal niemand mit.

Vor dem Eingang des Stadttors saßen vier aussätzige Männer. Sie sagten zueinander: Warum sitzen wir hier, bis wir sterben? Wollten wir in die Stadt gehen, in der Hungersnot herrscht, dann sterben wir in ihr. Bleiben wir draußen, dann sterben wir auch. Kommt, wir gehen in das Lager der Aramäer hinüber! Wenn sie uns am Leben lassen, bleiben wir am Leben. Wenn sie uns töten, so sterben wir.

Draußen vor dem Tor, im Niemandsland zwischen Freund und Feind, sitzen die vier Aussätzigen. In der Stadt sind sie unerwünscht, weil die Leute drinnen Angst haben, sich anzustecken. Und weil manche finden, sie schaden dem Stadtbild. Hunger und Krieg treffen die Kranken, Schwachen und Fremden immer als erste und am härtesten. Aber bei den Vieren ist erstaunlich viel Lebenswille vorhanden. Und der Mut der Verzweiflung: Mehr als umbringen können sie uns nicht. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Aber einen letzten Versuch haben wir noch. Mit den letzten Sonnenstrahlen im Rücken wagen sie sich vorsichtig ans Heerlager heran. Schlafen die alle schon, oder warum ist es so ruhig? Nein, der Ort sieht verlassen aus. Und der Erzähler weiß auch warum: Die Aramäer hatten in der Dämmerung verdächtige Geräusche gehört und waren in Panik verfallen, weil sie dachten, die Ägypter oder eine andere benachbarte Großmacht käme dem König von Israel zu Hilfe. Hatte es alles schon gegeben. Also – nichts wie weg!

Als nun die Aussätzigen in den Bereich des Lagers kamen, gingen sie in ein Zelt, aßen und tranken, nahmen Silber, Gold und Kleider und entfernten sich, um die Beute zu verstecken. Dann kamen sie zurück, gingen in ein anderes Zelt, machten auch hier ihre Beute und entfernten sich wieder, um sie zu verstecken. Dann aber sagten sie zueinander: Wir handeln nicht recht. Heute ist ein Tag froher Botschaft. Wenn wir schweigen und bis zum Morgengrauen warten, trifft uns Schuld. Kommt also; wir gehen und melden es im Palast des Königs.

Nichts zu verlieren

Über Nacht werden die Aussätzigen zu den Hauptpersonen dieser Geschichte. Menschen, die eine infektiöse Hautkrankheit von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen hat. Sie halten sich in einer Art Quarantäne-WG unter freiem Himmel über Wasser. Abgeschoben an den Rand, ausgeschlossen vom sozialen Leben, ohne Perspektive auf Rückkehr. Die Gesunden machen einen Bogen um sie und tuscheln hinter ihrem Rücken: Die Krankheit sei bestimmt die Strafe für irgendeine böse Tat, man wisse nur nicht, was genau. In heutigen Kategorien hieße das: Chronisch krank, erwerbsunfähig, geduldet ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Gescheiterten, von denen niemand mehr etwas erwartet.

Die Szene erinnern mich an die Antihelden der Streaming-Serie „Slow Horses“. In dem schwarzhumorigen Spionagethriller nach der Buchvorlage von Mick Herron retten ein paar ausgemusterte Agenten des britischen MI5 ihr Land und die Welt vor Verbrechern und Terroristen. Und zwar gerade weil niemand mit den verkrachten Existenzen mehr rechnet. Mick Jagger hat mit Strange Game den Titelsong dazu geschrieben: „Losers“ und „Misfits“ nennt er die Slow Horses: Sonderlinge, die nirgendwo hineinpassen. Aber in diesem merkwürdigen Spiel haben sie die blutige Nase vorn.

Die Misfits von Samaria stehen auch mit einem Schlag im göttlichen Rampenlicht. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die über Leben und Tod all der Gesunden und Gesettelten entscheidet.

Verlierer und Abgeschriebene erinnern mich auch an Sätze aus dem Neuen Testament über Glaube und Nachfolge. An die Worte von Jesus, der sagt:

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. (Mt 16,25)

Paulus umschreibt das ein paar Jahre später in einem Brief und sagt sinngemäß: „Als Jesus damals gekreuzigt wurde, da bin ich, ohne dass ich es wusste, mitgestorben. Eigentlich bin das gar nicht mehr ich, der hier spricht und handelt. Sondern er – Christus.“ Und eben darin findet er die Freiheit, alle möglichen Gefahren und Strapazen auf sich zu nehmen, um von diesem Leben aus Gott zu erzählen. Das da erst richtig anfängt, wo man denkt, alles geht zu Ende. Manchmal spüre ich das auch: Wie ich am Ende meiner Kräfte, meiner Geduld oder meiner Weisheit nicht zusammenklappe und ins Bodenlose falle. Mit einem Mal ist da eine Kraft und ein Wille, der nicht aus mir selbst kommt. Egal, was ich gerade verliere, Gott hat mich nicht verlassen. Ein Freund erinnerte mich passend dazu diese Woche an den Satz von Kris Kristofferson: „Freedom’s just another word for nothing left to lose.“


Belagert im Kopf

Von ihrer aberwitzigen Entdeckung, dass niemand mehr da ist im feindlichen Lager und dass es dort genug zu essen und zu trinken gibt, wollen auch die Aussätzigen erzählen: Nach halb durchzechter Nacht und mit vollen Taschen und Bäuchen legen sie sich also nicht schlafen. Sie gehen zurück zur Stadt. Aber der König will ihre Wahrheit nicht hören. Er verbreitet eine andere.

Da schlugen die Wächter Lärm und man meldete es drinnen im Palast des Königs. Noch in der Nacht stand der König auf und sagte zu seinen Leuten: Ich will euch erklären, was die Aramäer gegen uns planen. Sie wissen, dass wir Hunger leiden, und haben das Lager nur verlassen, um sich auf dem freien Feld zu verstecken mit dem Hintergedanken: Wenn sie die Stadt verlassen, nehmen wir sie lebendig gefangen und dringen in die Stadt ein.

Auch das ist Advent: Da erscheint Gott auf der Bildfläche in Gestalt der vier Aussätzigen und bringt die ersehnte Hilfe, aber er bekommt kein fröhliches „Macht hoch die Tür“ zu hören. Stattdessen Rolladen runter, Misstrauen und Verschwörungserzählungen. Die Belagerung im Kopf ist noch in vollem Gange. Ich kenne das aus den Erzählungen der Kriegskinder vor 80 Jahren. Als die Amerikaner kamen, um den Frieden und das Recht wiederherzustellen, verschenkten sie auch Orangen und Schokolade. Nicht selten unkten die propagandahörigen Alten: „Geht bloß nicht hin. Die vergiften euch!“ Die Schwarzmaler, die jedes Geschenk für eine Falle halten, sitzen allzu oft selbst in der Falle – in der Falle ihrer Ängste und Albträume. Die Belagerung im Kopf ist immer noch da, als die äußere Belagerung schon längst vorbei ist.

In Samaria finden sie schließlich eine pragmatische Lösung: Ein paar schnelle Pferdegespanne werden zur Erkundung vorgeschickt. Als die Bestätigung eintrifft, dass die Feinde tatsächlich abgezogen sind, gibt es kein Halten mehr am Stadttor. Und weil der skeptische Stabschef des Königs nicht schnell genug Platz macht, rennt ihn die hungrige und aufgeregte Menge kurzerhand über den Haufen.

Im Advent 1986, vor fast 40 Jahren, habe ich in Amsterdam einen Gottesdienst besucht. Der ist mir seither nicht aus dem Sinn gegangen. Ein Pfingstprediger aus Amerika spricht über die Aussätzigen von Samaria. Davon, dass die Kirche sein könnte wie diese „Misfits“, diese Außenseiter, die einfach mal was riskieren. Aber damit nicht genug: Plötzlich redet er davon, dass der eiserne Vorhang in Kürze fallen wird und die Türen der Länder des damaligen Ostblocks offen stehen. Gott habe ihm das gezeigt.

Das ist der Punkt, wo ich innerlich aussteige. Ich bin als Kind ganz nah an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen. Bei jedem zweiten Sonntagsausflug war irgendwo das bedrohlich schwarze Band des Todesstreifens zu sehen. Der bange Blick auf Wachtürme, Minenfelder, Stacheldraht, Selbstschussanlagen. „Der weiß nicht, wie das ist“, denke ich. „Der hat das nur mal auf der Durchreise gesehen. Das geht nicht von heute auf morgen einfach weg.“

Drei Jahre später, im November 89, sitze ich sprachlos vor dem Fernseher. Jubelnde Menschen fluten den Checkpoint Charlie. Wie damals das Stadttor von Samaria, nur dass hier niemand im Weg steht. Es wird nicht geschossen, niemand wird daran gehindert, die Brücken und Mauern zu überqueren.

Der Prophet war wirklich einer! Er hatte Recht und ich, ich hab’s nicht kommen sehen. Mein Kopf und mein Herz waren belagert.

Ich finde, Samaria ist kein schlechtes Bild für unsere Gegenwart: Wir werden umzingelt von allerlei Feinden, die wir selbst stark gemacht haben.

Drinnen bei uns, den Belagerten, werden die Vorräte knapper und die Verteilungskämpfe härter. Vermeintlich starke Männer poltern wütend herum. Sündenböcke werden durchs Dorf getrieben. Und wenn jemand laut über Lösungen nachdenkt, ertönt der dumpfe Chor derer, die immer eine Falle wittern und sagen, die Schokolade ist bestimmt vergiftet.

Prophetische Vorstellungskraft

Was kann ich noch vom Herrn erwarten? Sehhilfen zum Beispiel: Prophetinnen und Propheten sind selten populär, aber es gibt immer wieder welche. Manchmal sind sie von Traumtänzern nur schwer zu unterscheiden. Jane Goodall zum Beispiel, die am 1. Oktober gestorben ist, sah etwas, was außer ihr niemand sah. Mit ihrem leidenschaftlichen und unermüdlichen Einsatz hat sie nicht nur zum Schutz von Gorillas und Schimpansen beigetragen, sondern vielen Menschen einen neuen Blick auf unsere Mitgeschöpfe ermöglicht – voller Wärme, Staunen und Respekt.

Im Zweifelsfall hilft zur Unterscheidung ein Blick auf einen anderen adventlichen Text, den prophetischen Lobgesang der Maria:

Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. (Lukas 1,52-53)

Wer den Mächtigen nach dem Mund redet und die Niedrigen verachtet, ist garantiert kein Prophet. Echte Propheten erinnern uns daran, dass Gottes Uhr gegen die Despoten und Diktatoren läuft. Vor gerade mal einem Jahr brach die Gewaltherrschaft von Baschar al-Assad in Syrien zusammen. Kaum jemand hatte damit gerechnet. Es ist auch noch lange nicht alles gut. Aber der Schlächter ist weg. Warum vergesse ich das immer wieder so schnell?

Wie komme ich Gott auf die Spur? Am ehesten, wenn ich bei denen nachsehe, die zwischen allen Stühlen sitzen. Bei den Aussätzigen von Samaria, bei den Hirten von Bethlehem, bei der jungen Familie im Stall. Es gibt keine Garantie und es kann eine Weile dauern.

Aber was habe ich schon zu verlieren? Ich könnte ja einfach mal hingehen und nachsehen.

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Regenbogentage und die Apokalypse

Letzte Woche war ich auf dem St. Cuthbert’s Way unterwegs durch die Cheviot Hills in Northumberland. Der kräftige Westwind schob immer mal wieder eine Wolke heran, aus der etwas Sprühregen fiel. Dann kam die Sonne wieder heraus, und der Wechsel wurde mnachmal von einem Regenbogen begleitet. Ich blieb stehen, machte ein Foto, und ließ mich dann weiterpusten.

Zeitgleich bewegte sich der Hurrikan „Melissa“ mit unfassbaren 300 km/h Windgeschwindigkeit auf die Bahamas zu. Inzwischen hören wir von „apokalyptischen“ Verwüstungen, die in dem ohnehin schon armen Land stattgefunden haben.

Das haben fast alle mitbekommen. Weniger schlagzeilenträchtig war die Nachricht, dass – ebenfalls zeitgleich – in der vietnamesischen Stadt Hue 1.085 mm Regen innerhalb von 24 Stunden fielen. Über tausend Liter pro Quadratmeter! Zum Vergleich: Nürnberg hat einen Schnitt von 832 mm im Jahr.

Während ich den Regenbogen anschaue, geht an zwei anderen Orten die Welt unter. Nicht die ganze Welt, klar, aber die Welt der Menschen, die dort leben, eben schon. Und heute, am 2. November lesen wir aus dem Buch Genesis, wie Gott verspricht:

Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Wir haben neulich einen Schulgottesdienst gefeiert mit einer improvisierten Arche, vielen, vielen Stofftieren und darüber einem Tuch in Regenbogenfarben. Eine der Mitwirkenden sagte nachdenklich: Schon grenzwertig, wie wir das entschärfen. Aber es sind ja Kinder…

In diesem Satz aus der Sinflutgeschichte spiegeln sich die Lebensbedingungen des Holozän wider, der letzten 12.000 Jahre. Relativ stabile klimatische Muster, mit nur wenigen Schwankungen. Das ist inzwischen vorbei, und die Ereignisse der vergangenen Woche unterstreichen das erneut. Das Anthropozän hat begonnen, oder noch etwas präziser: das Kapitalozän. Das Zeitalter der „Männer, die die Welt verbrennen“, um mal einen aktuellen Buchtitel zu zitieren, oder des „Petromaskulinismus“ – auch eine treffende Bezeichnung. Erobern und ausplündern ist die Devise. Mit Konzernen, die mehr Kohle haben als mancher Nationalstaat. Jemand schlug vor, Wirbelstürme künftig nach Firmen zu benennen – Gazprom, Aramco oder Exxon. Und mit Superreichen, die ihr Jahresbudget an Emissionen dieses Jahr schon am 11. Januar verbraucht haben und seither ökologisch auf Kosten aller anderen leben.

Vor ein paar Wochen kam die Nachricht, dass „wir“, diese extrem ungleiche Weltgemeinschaft, inzwischen sieben von neun planetaren Grenzen überschritten haben. In diesem Jahr hat nun auch die Versauerung der Ozeane die kritische Schwelle überschritten. Das ist in etwa so, wie wenn der Arzt mir sagen würde, dass mein Herz schwächelt, die Lungen vom Rauchen geschädigt sind, die Zuckerwerte schlecht, die Leber überlastet und noch drei niederschmetternde Diagnosen.

Alle Prognosen aus den vergangenen Jahrzehnten über Erderhitzung und Anstieg der Meere sind eingetroffen oder übertroffen. Wir wissen es, aber wir glauben es nicht. Und die Entwicklung beschleunigt sich weiter. Trotzdem: Viele Entscheidungsträger verleugnen und verschleppen mögliche Lösungen und viele Wähler:innen lassen sich einreden, der Klimaschutz bedrohe unsere Lebensweise, nicht der nahende Kollaps der lebenserhaltenden Systeme unserer Erde. Die Durchschnittsbüger und -konsumenten machen in einer Mischung aus Hilflosigkeit, Lethargie und Ignoranz erst mal weiter wie bisher.

Kann man in dieser Situation ersnthaft davon ausgehen, dass Gott das Ruder noch herumreißt und mit unsichtbarer Hand den globalen Thermostat herunterdreht? Die Erzählung von der Sintflut legt nahe, dass wir damit nicht rechnen können:

Erstens geht es in der Zusage Gottes ja explizit darum, dass er die Erde nicht zerstört. Dass wir Menschen das tun würden, ist für die Verfasser dieser Texte gar nicht denkbar gewesen.

Und zweitens greift Gott in der Bibel nicht über die Köpfe hinweg ein, sondern durch Menschen. Immer. Noah, Abraham, Mose, die Prophetinnen und Propheten. Manchmal dauert es, bis er jemand findet. Schließlich wird er selbst Mensch, um sich unübersehbar auf die Seite der Leidenden und Schwachen zu stellen und die Saat für eine neue Weltordnung zu legen, in der es nicht mehr ums Erobern und Ausplündern geht. Nicht über die Köpfe hinweg, sondern durch menschliche Köpfe, Herzen und Hände hindurch bewirkt Gott diese Veränderung der Welt. Und deshalb ist sie oft so unscheinbar und verletzlich.

Unmittelbar vor der Sintflut ist eine Notiz über Göttersöhne und Riesen eingefügt. Die Göttersöhne nehmen sich Menschenfrauen – heißt auch: Es gibt keine Göttertöchter. Göttersöhne sind keine biologische Spezies, sondern eine soziale Klasse: Die Großkönige der Antike – die Superreichen von damals, die sich ihre Gesetze schreiben lassen, die die Öffentlichkeit manipulieren, für die alles zum Objekt wird, bei Frauen angefangen und weiter über alle, die schwächer sind als sein selbst. Hatte die Sintflut also auch den Sinn, diese Übermächtigen aus dem Spiel zu nehmen?

Wenn wir vom ersten ins letzte Buch der Bibel springen, dann finden wir eine mögliche Antwort auf diese Frage. In Offenbarung 11 sind die sieben Siegel geöffnet und die siebte Posaune ist erschallt. Im himmlischen Thronsaal erklingt fröhlicher Gesang. Er hat damit zu tun, dass Gott im Tumult der Weltgeschichte seine Herrschaft aufrichtet und Gerechtigkeit schafft. Der entscheidende Satz in diesem Zusammenhang lautet:

»Und wer die Erde zugrunde richtet,
wird selbst zugrunde gehen.«

Nicht die Welt geht unter in der Offenbarung, wohl aber geht die Zeit derer zu Ende, die sie verwunden und zerstören. Es ist nicht das Ende aller Dinge, sondern es sind die Geburtswehen einer neuen, besseren Welt. Aber die existiert bisher nur ganz punktuell. Daher brauchen wir Propheten, die sie uns ausmalen, und Lieder, die das tief in unser Herz und unseren Geist hineintragen.

Der Songpoet Jackson Browne schrieb im Jahr 1974 ein prophetisches Lied: Before the Deluge – Vor der Flut. Er veröffentlichte das im Jahr der Ölkrise und zwei Jahre, nachdem der Club of Rome mit bemerkenswertem Weitblick auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen hatte. Im Gegensatz zu vielen anderen Texten aus dieser Zeit haben Browns eindringliche Worte nichts an Aktualität verloren. Es ist einer der ersten ökologischen Protestsongs und eine apokalyptische Warnung.

Er singt von Idealismus, Scheitern und Resignation im Bemühen, ein stimmiges Verhältnis von Mensch und der übrigen Natur zu erreichen. Schließlich wehrt die sich selbst und zeigt den Menschen ihre Grenzen auf.

Some of them were angry
At the way the earth was abused
By the men who learned how to forge her beauty into power
And they struggled to protect her from them
Only to be confused
By the magnitude of her fury in the final hour

Im Kollaps und danach bleiben dann die kleinen Dinge: Kinder und Bedürftige schützen, Musik machen und alles andere, was uns tröstet und Mut gibt, durchzuhalten.

Now let the music keep our spirits high
And let the buildings keep our children dry
Let creation reveal its secrets by and by, by and by
When the light that's lost within us reaches the sky

Im Singen und Klagen, im Hören und Helfen können wir schon mal anfangen, uns darauf einzustellen, dass manches weniger wird und vieles schwerer. Aber dass zugleich auch das Ende der modernen Riesen und das Gericht über ihre Maßlosigkeit und Dominanz kommt.

Damit wir dann handeln können und nicht hadern müssen.

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