Fahrräder segnen – geht das?

Im Anhang von „Holy Spokes“ der fahrradfahrenden Methodistenpfarrerin Laura Everett aus Boston findet sich eine Liturgie zur „Segnung der Fahrräder“. Die Idee hat sie von Lutheranern (!) aus Denver übernommen, dem House for all Dinners and Saints.

Kritische Fragen

Ich habe kürzlich in kleiner Runde den Vorschlag gemacht, etwas Ähnliches in Nürnberg auszuprobieren. Zu meiner Überraschung bekam ich zu hören: Fahrräder können wir nicht segnen, nur Fahrradfahrer*innen. Dinge zu segnen sei doch unevangelisch. Am Ende würde jemand auch wieder Fahnen und Waffen segnen wollen.

Klar, ich kenne das Argument: Wir segnen nicht die Sparkassenfiliale, die eingeweiht (!) wird, sondern die Mitarbeiter*innen dort. Und so weiter.

Andererseits geht für mein Empfinden etwas Entscheidendes verloren, wenn ich einfach nur die Leute segne. Und zwar deshalb, weil ich sie nicht aufspalten kann in ihre unterschiedlichen Rollen. „Radfahrer“ ist ja nur ein Aspekt unter vielen, wenn es um die ganze Person geht. Und in der Regel nicht einmal der Entscheidende.

In der Segnung der Fahrräder aber geht es aber genau darum, eine bestimmte Art der Fortbewegung zu fördern und zu stärken. Eine bestimmte Haltung gegenüber der Mitwelt und den Mitmenschen. Wer sich mit Muskelkraft fortbewegt statt mit dem SUV durch die Gegend zu brettern, schont einerseits die Ressourcen. Andererseits macht man sich damit auch verletzbar: Es besteht die Gefahr, von anderen über den Haufen gefahren zu werden. Das Symbol für all diese Zusammenhänge ist der Helm, das Rad, der Roller, Rollator, Rollstuhl, Skateboard, oder was sonst noch Räder hat.

Dualismus oder Symbol?

Unser neuzeitlicher Dualismus von Geist und Materie kommt uns hier leicht in die Quere. Entweder segne ich einen Gegenstand oder eine Person, das Rad oder die Fahrerin.

Aber wie im Abendmahl auch ist ein Gegenstand nicht immer einfach nur ein Gegenstand. Er kann auch Symbol sein. Brot und Wein sind Symbole der Tischgemeinschaft unter Menschen und der Gastmahle Jesu. Im Abschiedspassa vergegenwärtigt Jesus den Auszug aus Ägypten, seinen Tod am folgenden Tag und das Mahl der Erlösten auf dem Zion aus Jesaja 25. Und damit gibt er diesem Abschied (und unserer Erinnerung daran) seine spezifische Bedeutung.

Ich bemühe die lutherischen Formel „in, mit und unter“ nicht so oft. Aber so stelle ich mir die Segnung der Fahrräder vor: Menschen kommen zusammen, verbunden in ihrer Verwundbarkeit als Verkehrsteilnehmer und ihrer Absicht, achtsam mit den Mitgeschöpfen umzugehen. Dazu bringen sie ihren fahrbaren Untersatz mit. „Drahtesel“ können zwar nicht sprechen wie Bileams Eselin, aber natürlich ist das eine Geste, eine stumme Aussage, wenn ich mit Rad und Helm erscheine. In, mit und unter Menschen, Helmen, Rädern, guten Vorsätzen und mitunter traumatischen Erfahrungen suchen wir Gott. Und wenn dabei symbolisch (und das heißt: nicht magisch) auch die Räder gesegnet werden, haftet an ihnen die Erinnerung an Gott, dessen Schutz wir suchen und dessen Liebe uns verpflichtet.

Zeichen setzen

Ein sakraler Raum ist seltsamerweise für die meisten von uns kein befremdlicher Gedanke. Manchmal gehen wir auch an symbolträchtige Orte und feiern dort einen Gottesdienst. Oft wollen wir damit auch atmosphärisch etwas bewirken, indem wir Zeichen setzen. Das Fahrrad und der Helm (und in verschärfter Form das Ghostbike) sind nichts anderes als mobile Zeichen – Mahnmale und Mutmacher. Wir kleben keine Christophorusplaketten drauf, aber wir machen ein Kreuz aus ein paar Tropfen Öl. Obwohl das bald wieder verschwunden ist – eine flüchtige Angelegenheit.

Nennt mich meinetwegen katholisch – ich würde es gern machen. Ich würde (in dem hier beschriebenen Sinne) auch Rettungswagen segnen, Seenotkreuzer und Blauhelme. Um Gottes und der Menschen willen. Das sind nicht einfach nur irgendwelche Dinge.

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Nochmal: Männer

Die Begeisterung für Männergruppen und Männerarbeit hat bei mir nie gezündet. Ich fühle mich unter Männern wohl, aber ich bin da auch nicht mehr ich selbst als sonst. Ich bin recht gut ohne Initiationsriten durchs Leben gekommen (auch wenn mir jetzt vermutlich gleich ein paar Leser beweisen wollen, dass mir Substanzielles für meine Identität entgangen ist und ich das bloß nicht erkenne oder wahrhaben will). Macho-Christen wie Mark Driscoll und klischeeverhaftete Bücher wie die von John Eldredge fand ich immer ausgesprochen peinlich.

Wil Stewart

Diese Woche habe ich zum ersten Mal begriffen, warum wir uns tatsächlich dringend um Männer kümmern müssen. Ulrich Brand und Markus Wissen beschreiben in ihrem Buch „Imperiale Lebensweise“ sehr zutreffend, dass sich unser aktuelles Krisen-Konglomerat aus Klimawandel, Ressourcenextraktion, Externaliserung der ökologischen und sozialen Kosten, und einer Tendenz zu autoritären und hierarchischen Formen der Machtausübung  tief in die Geschlechterverhältnisse eingeschrieben hat. Immer noch verrichten Frauen weit mehr unbezahlte Sorgearbeit oder schlecht bezahlte ungelernte Tätigkeiten. Und Männer haben im Schnitt nicht nur marginal größere Füße, sondern mit ihrer Liebe zu Verbrennungsmotoren oder ihrem deutlich höheren Fleischkonsum einen wesentlich höheren ökologischen Fußabdruck als Frauen: „Der andro- und eurozentrische Lebensentwurf einer hegemonialen Männlichkeit ist integraler Bestandteil der imperialen Lebensweise.“ (S. 54)

Also lasst uns all die Sachen machen, die Männer toll finden…

… Moment, stop, nein:

Lasst uns Sachen finden, die Männer gern tun, ohne dabei gleichzeitig anderen die Folgekosten für den Spaß aufzubürden. Ohne Diesel und Dry Aged Beef. Und währenddessen reden wir dann von Mann zu Mann darüber, wie wir die Verantwortung dafür übernehmen können, dass künftige Generationen auf dieser Erde in Frieden leben. Über den Mut zu anderen Lebensentwürfen als dem androzentrischen und imperialen.

So könnte ein Schuh draus werden. Und wenn Frauen gelegentlich dabei wären, wäre das kein Problem.

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Schottisches Tagebuch (2): Etwas zurückgeben

Wir begegnen Tom (in Wirklichkeit heißt er anders) und seinem Freund Bill. Sie waren bis spät in der Nacht fischen – ohne Erfolg. Die Müdigkeit sieht man ihnen noch an. Dennoch ist es für beide ein willkommener Ausgleich zum stressigen Beruf. Tom sagt das immer wieder, wie gut die relative Ruhe der Highlands ihm tut und wie verrückt unser Lebensstil doch ist.

Wir erzählen von unseren jeweiligen Lieblingsorten, dann von unseren Berufen. Tom arbeitet in einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Osteuropa. Investoren haben dort vor Jahren riesige Flächen billig aufgekauft und wirtschaften nun mit Hightech-Methoden. Die einheimischen Arbeitskräfte verdienen gut. Trotzdem denkt Tom darüber nach, aufzuhören. Er träumt davon, in seiner Heimatregion einen Hof zu kaufen und ihn ökologisch zu führen. Die beiden haben beim Angeln lange darüber geredet. „Wir haben so lange so viel von dem Land genommen“, meint Tom. „Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“

Seine Geschäftspartner haben wenig Verständnis dafür. Aber mir geht sein Satz nicht mehr aus dem Kopf. Egal, was wir für Berufe haben: Unsere Gesellschaft hat der Erde (und allen, die auf ihr leben) mehr genommen, als uns fairerweise zusteht. Es geht darum, etwas zurückzugeben. Oder vielleicht auch weiter- und „vorauszugeben“ (im Englischen gibt es ja den Ausdruck „giving forward“).

Ökobauer werde ich wohl nicht mehr. Aber ich halte die Augen offen nach anderen Wegen.

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Schwätzer, Schummler, Scheinheilige

Nachrichten sind wie Puzzleteilchen. Man kann sie zu aussagekräftigen Bildern zusammensetzen. Hier ein Beispiel aus dieser Woche:

Das Verkehrsministerium gibt bekannt, dass nun auch gegen Audi ermittelt wird, weil der Konzern mit einer Software in Dieselmotoren die hohen Abgaswerte auf dem Prüfstand besser aussehen ließ als im regulären Betrieb – also da, wo es wirklich zählt und wo es um die Gesundheit von uns allen geht – auch der Audi-Fahrer selbst. Bei Audi zeigt man sich überrascht – nicht von der Existenz der Schummelsoftware, sondern davon, dass die Bundesregierung diese bestätigt, ohne sich mit Audi vorher abzustimmen. Das kann ja nur bedeuten, dass solche Manöver bisher üblich waren.

Diesmal schützt der Minister nicht den Audi-Vorstand, sondern sich selbst. Vielleicht wusste er schon von dieser Nachricht: Deutschland wird seine Verpflichtungen in der Klimapolitik krachend verfehlen, und die Hauptursache dafür ist der Autoverkehr. Der Sprit ist billig, die Verbrauchswerte immer noch zu hoch, auch weil die Autos immer schwerer und die Motoren immer stärker werden. Blendend verdient haben dabei deutsche Autobauer. Untätig zugesehen hat Verkehrsminister Dobrindt und seine CSU-Vorgänger. Also wird kurzerhand Tatkraft simuliert und etwas enthüllt, was demnächst so oder so durchgesickert wäre: Auch Audi gehört zu den Trickbetrügern in Sachen Sauberkeit.

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(Foto: unsplash.com)

Damit nicht genug der Täuschung: Die Bundeskanzlerin lenkt die Aufmerksamkeit und Empörung der Öffentlichkeit geschickt auf Trumps Ankündigung, dass die USA aus dem Pariser Abkommen aussteigen, und inszeniert sich selbst, ihre Regierung und Auto-Deutschland als die Guten – die wir bei genauerem Hinsehen eben gar nicht sind.

Trump macht es unseren Politikern unverschämt leicht, gut auszusehen. Darin liegt seine größte Gefahr: Alle reden über die Mauer nach Mexiko, niemand mehr über die Grenzzäune der EU.

Es kommt noch besser: Deutsche Industriekonzerne warten nicht einmal eine Schamfrist ab, bevor sie die Forderung erheben, die existierenden (zur Erinnerung: völlig unzureichenden!) Umweltauflagen zu überdenken. Deutsche Auto-Aktien legen gleichzeitig zu an der Börse. Der Berliner Kreis in der CDU schwenkt auf Trumps Kurs ein. Auf der anderen Seite kritisieren große US-Unternehmen Trumps Entscheidung und versprechen größere Anstrengungen zum Klimaschutz. Gewiss sind deren Motive auch nicht alle nobel, aber sie bewegen sich in die richtige Richtung.

Jesus erzählt einmal von zwei Brüdern, die von ihrem Vater einen Auftrag bekommen. Der eine weigert sich erst, aber dann tut er es doch. Der andere sagt Ja und macht keinen Finger krumm. Die Frage am Ende, mit wem der Vater wohl zufrieden ist, beantwortet sich von selbst. Die Frage, was das heute bedeutet, auch.

Die Frage, wie wir das bewerten, beantworten wir bei der Bundestagswahl im September. So oder so.

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Faktencheck auf lila Blüten

Im Garten draußen blüht wieder der Sommerflieder. Als er jung war, war er immer voller Schmetterlinge. Heute verirrt sich nur noch gelegentlich ein Falter hierher auf der Suche nach Nektar. Alle Arten von Schmetterlinge sind in den letzten zehn Jahren immer seltener geworden.

Passend dazu diese Nachrichten: Deutschland liegt im Ländervergleich im Umweltschutz auf dem wenig schmeichelhaften Rang 30, zwischen Ungarn und Italien (die sind besser als wir) auf der einen und Russland und Aserbeidschan auf der anderen Seite.

Und Autofahrer müssen sich immer weniger Gedanken über Insekten auf der Windschutzscheibe machen. Sie verschwinden zusehends aus der Landschaft. Nicht nur aus den Gärten, sondern auch aus Wald und Flur, berichtet der WWF. 45% der wirbellosen Tierarten gelten als bestandsgefährdet oder sind schon ausgestorben.

Dagegen hilft zum Beispiel dieses Projekt, aber energischer Druck auf die schwarz-rote Regierung wäre sicher auch kein Fehler.

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Vorsprung durch Bescheidenheit

Was für eine Woche: Papst Franziskus hat die Amerikaner und die Staatschefs der UN-Generalversammlung eindringlich an Ihre Verantwortung für den Klimawandel erinnert. Und an dessen soziale Dimension: Die globalen Folgen treffen gerade die Armen besonders hart. Für den Papst ist das ein drängendes Thema, zu dem man als Christ nicht schweigen kan. Die religiöse und republikanische Rechte in den USA schäumt deshalb, er solle sich lieber darum kümmern, „Seelen in den Himmel“ zu bekommen (in Deutschland liest sich das, in etwas moderaterer Diktion und anderer tagespolitischer Stoßrichtung, dann so).

Deutschland hat in Sachen Klimaschutz ja ein paar positive Dinge zu vermelden. Gegenläufig waren allerdings die Emissionen im Straßenverkehr. Die Ursache dafür sind die immer schwereren Fahrzeuge und die immer leistungsstärkeren Motoren, die unsere Autoindustrie verkauft. Und die Tatsache, dass über den tatsächlichen Spritverbrauch und Schadstoffausstoß gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Die Bundesregierung hat das Greenwashing bekanntlich nicht etwa bekämpft, sondern aktiv gefördert und allen einen Bärendienst erweisen. Daran hat uns der VW-Skandal eindringlich erinnert.

Die Industrie hat sich an Mogeleien gewöhnt und, wie es derzeit aussieht, noch ein paar neue erfunden, anstatt sich ernsthaft darum zu bemühen, sparsame Autos zu bauen. Ein Kommentator schrieb diese Woche treffend, VW habe den Autos das Lügen beigebracht. Wertvolle Zeit und Energie, um sich für den überfälligen technologischen Wandel zu rüsten, wurde vertan. Aus einem Vorsprung durch Technik wurde ein Rückstand durch Täuschung.

Deutschland ist in Sachen Autos ungefähr so rational wie die Amerikaner bei Schusswaffen. Der Autokauf ist eine emotionale Sache und, abgesehen von der Finanzierung, keine Frage der Vernunft: Unsere Hersteller verkaufen Gefühle statt Transportmittel, sie werben mit grenzenloser Freiheit und ungetrübtem Fahrspaß und setzen das gekonnt ins Bild, die Autotester der großen Verlage begeistern sich in ihren Kolumnen für die schnellen und schnittigen Modelle mit besonders üppiger Ausstattung. Sparsamkeit und Effizienz taugen allenfalls für Fußnoten. Die (emotionale) Wirkung auf den Fahrer steht im Zentrum, die Wirkung auf Umwelt und Mitmenschen ist seltener von Interesse.

Der Papst hingegen fährt im Kleinwagen durch die Staaten. Auch er weiß, dass sein Weckruf an die Welt Bilder braucht. Es ist Zeit, seinem Beispiel zu folgen. Vielleicht fährt er dann eines Tages auch mal einen VW.

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Stiefkinder müssen zusammenhalten

Liebe Leidensgenossen, die öfter emissionsfrei auf zwei als abgasend auf vier Rädern unterwegs sind,

die Verkehrspolitik (vor allem da, wo sie Politik ist und von der schwerreichen KFZ-Lobby „mitgestaltet“ wird) betrachtet uns immer noch als Stiefkinder. Die KFZ-Nutzer sehen uns als lästige Konkurrenz, die ihren ungebremsten Vorwärtsdrang hemmt. Also werden wir, wenn wir die Straße nutzen, mit 30 cm (statt 1,50 m) Abstand überholt und, wenn auf dem Radweg fahren, beim Rechtsabbiegen gefährlich geschnitten. Verkehrsminister wollen uns gern mal pauschal als Rüpel darstellen – Autofahrer halten sich ja, wie wir alle wissen, sämtlich tadellos an die StVO. Schließlich gibt es noch meine besonderen Freunde: Hundehalter und ihre Vierbeiner, die uns mit Teleskopleinen (ein klares Indiz für (a) schlecht erzogene Tiere und (b) faule, unaufmerksame Halter) auflauern, die sich blitzschnell quer über jeden Radweg spannen lassen. Dass uns oft der Wind ins Gesicht bläst — gut, das gehört eben dazu.

Wir haben also einen schweren Stand. Und daher brauchen wir einander.

Ich rede jetzt nicht davon, einen neuen Verband zu gründen oder Online-Petitionen anzuklicken. Einiges könnte durch ein paar Kleinigkeiten verbessert werden, die wir selbst in der Hand haben. Zwei davon fallen mir täglich auf – man kann keine Viertelstunde durch die Stadt radeln, ohne dass man sie antrifft:

  • LICHT: Die Zeit quietschender und bei Nässe streikender Reifendynamos nebst gelblich funzelnder Birnchen, die ständig kaputt gehen, ist längst vorbei. LED-Lampen, ob mit Batterie oder Nabendynamo gespeist, sind erschwinglich und hell, es gibt heute keine Ausrede mehr dafür, unbeleuchtet herumzufahren. Es doch zu tun, ist verdammt gefährlich, und zwar nicht nur für Euch selbst, sondern auch für alle anderen.
  • GEISTERRADLER: Auch der deppertste Autofahrer schafft es noch, rechts zu fahren oder die Fahrtrichtung einzuhalten. Warum können das so wenige von uns? Egal ob auf dem Radweg oder auf einem dieser markierten Fahrradstreifen am Fahrbahnrand, oder in Einbahnstraßen, die nicht ausdrücklich für Räder in beiden Richtungen freigegeben sind, gegen die Fahrtrichtung ist man verdammt gefährlich unterwegs. Neulich habe ich gelesen, dass es das Unfallrisiko verfünffacht. Frontalzusammenstöße unter Radfahrern sind enorm verletzungsträchtig.
Lie Down in memory of Road Traffic Accid by onlinejones, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial 2.0 Generic License   by  onlinejones 

Neulich kam ich auf dem Radweg um eine Rechtskurve und da schoss mir – gegen die Fahrtrichtung – eines dieser schnellen e-Bikes eines örtlichen Pizzalieferdienstes entgegen. Die Dinger sind fast 40 km/h schnell und schwer, die Reaktionszeit war also minimal. Wir haben einander nur deshalb knapp verfehlt, weil ich eine Vollbremsung hingelegt habe. Ich habe ihm dann freundlich, aber unmissverständlich die Meinung gesagt. Es wäre allen geholfen, wenn wir das öfter täten.

Und dann machen wir alle zusammen dasselbe (Meinung sagen) mit den Autofahrern, auch wenn die sich gern hinter getöntem Glas und lauter Musik verschanzen.

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Die Sprache der Brüderlichkeit und Schönheit

IMG_0087Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen.

Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.

Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato Si

 

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Bloß nicht grün werden

Da hatte ich doch eben Žižeks Feststellung erwähnt, die Vergangenheit werde ständig neu erfunden um Machtansprüche in der Gegenwart zu erheben, als ich über diesen Artikel von Elizabeth Stoker-Bruenig stolperte, der das Unbehagen katholischer Traditionalisten mit Papst Franziskus’ pragmatischem (statt dogmatischem) und dialogischem Zugang zur Vergangenheit beleuchtet. Dabei fallen ihr Widersprüche wie dieser auf:

The conservative reverence for the past does not necessarily mean that their tactics or politics to protect it will be properly traditional. … Thus conservatives can claim a deep attachment to the America of their grandparents while trying to dismantle labor unions and Social Security, mainstays of the era they profess to love.

Und sie fährt fort:

To insist that the Church differentiate herself from the world by adhering to the praxis of the past—be it saying Mass in Latin or ignoring man-made climate change because it is not present in biblical text—is to relate to the past in a wholly modern way. Those who ignored climate change in the Middle Ages did so because it was unknown, not because they intended to make a particular statement about the transcendent factual bearing of the biblical text. … To consider whether or not one would prefer to be modern is to be modern; the decision is already made.

Gegenwärtig, so Stoker-Bruenig, arbeitet der Papst an einem Papier zur Klimaproblematik, und Rechtskatholiken wie Neokonservative schießen schon lange vor dessen Erscheinen gegen seinen vermeintlichen Inhalt – etwa indem sie beklagen, der Papst kontaminiere die reine Lehre mit „grünem Heidentum“. Das ist freilich nur möglich, weil ausgerechnet jene, die sich auf die Vergangenheit berufen, dabei verdrängen, dass mit Franziskus von Assisi (oder Hildegard von Bingen, aber die dürfte ihnen schon deshalb noch suspekter sein, weil sie eine Frau war) schon einmal andere Zugänge zu Natur und Schöpfung da waren als neuzeitliche Ausbeutung und „Unterwerfung“ derselben.

Man kann ja gern verschiedener Meinung sein, was die Gegenwart und den zukünftigen Weg angeht. Wenn allerdings die immer schon passend gefilterte Vergangenheit dazu missbraucht wird, andere als Verräter an einem heiligen Erbe zu diskreditieren, dann ist das schlicht ein reaktionärer Backlash. Genau dieser Vorwurf wurde Jesus ja auch gemacht. Zudem kann natürlich auch kein Konservativer wissen, was Luther oder irgendeine andere kirchlich-theologische Normgröße täte, wenn sie oder er heute lebte. Relativ sicher sagen lässt sich hingegen: Sie täten vermutlich nicht exakt dasselbe wie zu ihren Lebzeiten. Es ist also kein Ausdruck von Respekt vor den Müttern und Vätern, ihr Lebenswerk zur kirchenpolitischen Keule zu machen. Stoker-Bruenig bilanziert abschließend:

the past cannot be recovered, but only shabbily reconstructed. It is most useful when considered an open matter. This is true of the past in our lives, of the past in politics, of the past in the Church: Dialogue is the most we can make of it. And that is enough.

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New York, Rio, Rosenheim und der „aufgeklärte“ Aberglaube

Kürzlich las ich einen Bericht zur Ebola-Problematik in Westafrika. Ein gravierendes Problem stellen die traditionellen Bestattungsriten dar, die vorsehen, dass die Familie den Leichnam gemeinsam wäscht und küsst, und wo das ausbleibt, da sucht der Geist des Verstorbenen die treulosen Hinterbliebenen heim. Angst und Unkenntnis führen dazu, dass sich immer mehr Menschen infizieren

Wir Europäer haben in den letzten Jahrhunderten gelernt, wie man Ansteckung vermeiden kann und an böse Geister glaubt auch kaum noch einer. Aber wir waren und sind zum Teil immer noch der Meinung, dass man unbegrenzt Klimagase in die Luft pusten kann, ohne dass etwas passiert. Und wenn sich etwas abzeichnet, dann postulieren wir andere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die unsere Lebensgewohnheiten unangetastet lassen. Die Folge: Der westantarktische Eisschild ist nach Ansicht vieler Experten dabei, unwiderruflich zu verschwinden (danke an Daniel Wildraut für den Lesetipp!). Der Meeresspiegel würde allein dadurch um etwa drei Meter ansteigen, egal, was jetzt noch geschieht. Sollte auch die Ostantaktis und Grönland abtauen, steigen die Ozeane bis zu 60 m und darüber an (Berlin liegt in Teilen nur 35, Köln 53 Meter über NN, und die Hamburger leben dann auf Hausbooten zwischen den Kirchturmspitzen ihrer versunkenen Stadt).

Ob Afrika oder Antarktis – das Phänomen ist dasselbe. Ein bestimmtes Weltbild mit seinen Lebens- und Denkgewohnheiten verhindert, dass wir Gefahren rechtzeitig erkennen und unsere Lebensweise umstellen. Der nicht mehr zu leugnende Klimawandel wird als eine Art Schicksal oder Fluch verstanden, den wir nicht verschuldet haben, ergo auch nicht ändern können. Es sind zwar keine Geister im Spiel, der westliche Aberglaube gibt sich ganz wissenschaftlich und aufgeklärt. In Wirklichkeit aber ist er selbstgefällig, rigide und denkfaul.

Passend dazu heißt es im Dossier „Denken“ des Philosophie-Magazins unter Verweis auf Hannah Arendt:

Das Gegenteil des Denkens ist nach Arendt nicht die Dummheit, sondern die Gedankenlosigkeit als der sorglose Unwille, eigene Überzeugungen kreativ in Frage zu stellen.

Und etwas später lese ich dort:

Wer sich in der Kunst, Unrecht zu haben, üben will, benötigt nicht zuletzt ein Selbstbewusstsein, das stark genug ist, fundamentale Erschütterungen des eigenen Glaubenssystems nicht als Verlust, sondern als möglichen Gewinn zu empfinden.

Vielleicht sollten wir alle im nächsten Jahrzehnt noch einmal möglichst viele Küstenstädte und -regionen aufsuchen, wenn diese demnächst von der Landkarte verschwinden. New York und Rio zum Beispiel. Unsere Enkel können dann, um bei den Sportfreunden Stiller zu bleiben, nur noch nach Rosenheim. Und dort werden dann auch deutlich mehr Menschen leben, denn viele Küstenregionen sind extrem dicht besiedelt.

Und auf irgendeiner schwimmenden Insel setzen wir Hannah Arendt und den so oft und übel geschmähten Klimaforschern ein Denkmal.

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Viel Lärm um fast nichts

Die Nachricht stand ganz oben in den Portalen: Die USA wollen die Emissionen aus Kohlekraftwerken bis 2030 um 30% senken. Aber wie immer muss man das Kleingedruckte lesen, bevor man sich freut. Dass die Amerikaner sich Ziele setzen, ist ja nicht selbstverständlich, und vielleicht liegt der Wert dieser Nachricht eher darin, dass sie es nun doch tun. Vielleicht jedenfalls.

Das Ziel an sich gibt nämlich keinen Anlass zum Jubel: Die Kohlekraftwerke verursachen 30% des Kohlendioxidausstoßes der USA, davon sollen 30% reduziert werden, aber diese 30% sind nicht vom heutigen Stand aus gerechnet, sondern am Ausstoß des Jahres 2005 bemessen, wie zu hören war. Seither sind schon rund 15% geschafft, es folgen also in 16 Jahren noch einmal 15%.

Die ganze Aktion macht unter dem Strich gerade mal 4,5% aus. Und dagegen laufen jetzt Republikaner und Kohlelobby Sturm. Wenn die SZ diese Senkung als „drastisch“ bezeichnet, dann hatte der Redakteur wohl gerade seinen Taschenrechner verlegt.

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Ökomission und Ökogerechtigkeit

Während die Christen im Westen es sich leisten können, den Klimaskeptiker zu geben und vor der vermeintlichen „Ökodiktatur“ zu warnen, leben die Christen in Ozeanien täglich mit den Folgen der Veränderungen in der Atmosphäre, die wir ihnen ungebeten eingebrockt haben. Auf der Website von Lausanne International ist die theologische Arbeit zu diesem Problem dokumentiert.

Seit dem Jahr 1900 ist der Meeresspiegel um 19 cm angestiegen. Salzwasser dringt in Süßwasserreservoirs ein. Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre Kultur und Wurzeln. Viele Christen fühlen sich von Gott verlassen und deuten die Ereignisse als einen göttlichen Fluch, nicht als eine von Menschen gemachte und zu verantwortende Katastrophe. Dem setzen die Theologen aus dem südwestpazifischen Raum entgegen:

  • Im Evangelium geht es nicht nur um individuelles Heil, sondern um die ganze Schöpfung.
  • Ökomissiologie hat es mit der Schöpfung zu tun, weil Gott uns mit und nicht von der Welt rettet.
  • Ökomissiologie ist eine Frage der Ökogerechtigkeit, weil die Armen der Welt unter den Umweltschäden am meisten leiden.
  • Sie schließt eine Ökospiritualität ein, eine neue Wahrnehmung der Schöpfung, und erkennt die Sorge um die Schöpfung als einen eigenständigen Aspekt und eine Form von Mission an.

Vielleicht finden diese Gedanken (und die praktischen Folgerungen, etwa für Missions- und Hilfsorganisationen) auch in unseren Breiten bald Gehör. Vor allem bei jenen, die solche Themen bisher nicht unter Mission (und damit nicht als den eigentlichen Auftrag von Kirche) subsumiert haben und lieber weiterhin bloß „Seelen retten“ wollen.

Inzwischen verstreicht wertvolle Zeit: In der EU stehen demnächst wichtige Entscheidungen zur Energie- und Klimapolitik an. Die Bundesregierung hat die ohnehin schon bescheidenen Ziele aus dem Koalitionsvertrag weiter aufgeweicht. Dabei würde eine Beschleunigung der Energiewende die Kosten senken und käme mit weniger umstrittenen Stromtrassen aus, wie Greenpeace heute vorgerechnet hat.

 

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Der grüne Heilige

Die letzten Tage habe ich in Helmut Felds kurzer und informativer Franziskus-Biografie gelesen und neben manchem schon Vertrauten auch ein paar Dinge entdeckt, die mir noch nicht so bewusst waren. So zum Beispiel diese Episode in der Frühzeit seiner Bewegung:

Franziskus geriet, sowohl aufgrund von Skrupeln wegen der Sünden seiner Jugend als auch wegen der Zukunft seiner Bruderschaft in Zweifel, Ängste und Depressionen. Das änderte sich, als sich Franziskus mit seinen nunmehr sechs Gefährten in das Tal von Rieti begab, das damals noch fast ganz von dem heute zu einem kleinen Teich zusammengeschrumpften See ausgefüllt wurde. Die Bevölkerung dieser landschaftlich sehr schönen Gegend nahm Franziskus freundlich auf.

Die Zuneigung der Menschen und die Schönheit der Natur hatten vor allem auch eine heilende Wirkung auf Franziskus. Es scheint, dass er auch letzteres nicht vergaß. Vielleicht war es auch schon Teil seines Frömmigkeitsmusters, vom den Feld schreibt:

Friedensverständnis und Friedenspraxis des Franziskus wurzeln letztlich in seiner Auffassung von Schöpfung und Erlösung. Nicht nur die „bösen“ Weltleute, sondern auch die Tiere, Pflanzen und Naturelemente sind Kinder eines guten Schöpfers, untereinander Geschwister und zur endgültigen Erlösung bestimmt.

Und in der Betrachtung des berühmten Sonnengesangs kommt Feld zu dem Schluss:

In seinem Verständnis waren die Tiere, die Pflanzen und die großen Naturerscheinungen, wie Sonne, Mond, Erde, Feuer, Wind und Wasser, beseelte Wesen, die von Gott geschaffen und auch zum endgültigen Heil berufen waren.

… Franziskus teilt diese Auffassung [dass alle Geschöpfe Anteil haben an Gottes Leben] mit dem Katharertum seiner Zeit. Doch im Unterschied zu dem katharischen Weltbild, das in der Schöpfung das Werk zweier göttlicher Mächte, der guten und der bösen, sah, erkennt Franziskus in allen Dingen eine „untergründige Güte“ (fontalis bonitas), die ihren Ursprung in einem einzigen, guten Gott hat.

So verstörend seine Haltung zum eigenen Körper und zur Sexualität war, so einfühlsam konnte er wiederum seinen Mitgeschöpfen begegnen. Aus den Berichten seiner Gefährten wissen wir, wie sehr ihm die am Herzen lagen:

Er konnte aus der Fassung geraten, wenn es jemand an Ehrfurcht gegenüber den Kreaturen fehlen ließ (Leg. Per. 86). Dieser Haltung entspricht sein Eintreten für Erhaltung und Schonung der Natur. […] Er sammelte Raupen und Würmer vom Weg ein, damit sie nicht zertreten würden; wenn er im Winter Bienen zu Gesicht bekam, ließ er sie mit Honig und Süßwein füttern, um ihr Überleben zu sichern (I Cel 80). Wenn die Brüder Brennholz schlugen, wies er sie an, den Stamm nicht an der Wurzel abzuhauen, sondern einen Stumpf stehen zu lassen, der wieder ausschlagen konnte; der Gärtner sollte um den (Kloster-) Garten herum nicht kultivierte Landstreifen übrig lassen, damit die wilden Pflanzen und Blumen zu ihrer Zeit Zeugnis geben könnten von der Schönheit des Vaters aller Dinge;

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Aktive Hoffnung (5): Gemeinschaft, die Kreise zieht

Eine der großen Schattenseiten unserer Zivilisation ist die Einsamkeit und Isolation, die schlimmstenfalls solche Tragödien wie die jüngst in London entdeckte hervorbringen, aber auch viel alltäglicheres seelisches Leid. Wir können erstaunlich lange andere ignorieren und selbst möglichst unbehelligt in unserer jeweiligen Blase bleiben – solange wir keine akute Not erleben. Dieser Rückzug ins Private und auf den eigenen Nutzen schadet jedoch dem Gemeinwesen, was den Rückzug derer, sie ihn sich leisten können, wiederum forciert.

Und so sind es oft Naturkatastrophen, die Menschen zusammenbringen und über allem materiellen Verlust soziales Kapital in Form eines funktionierenden und lebendigen Gemeinwesens hervorbringen. Macy und Johnstone zitieren eine Katastrophenhelferin aus Kanada, die beschrieb, wie die Solidarität mit Tornado-Opfern sich ausgesprochen belebend auch auf die Helfer auswirkte. Es wuchs das Bewusstsein, dass niemand sein Glück allein sich selbst verdankt und dass umgekehrt niemand mit seinem ebenso „unverdienten“ Unglück allein bleiben darf. Freilich ist das kein Automatismus, gerade eine diffuse Wahrnehmung von Gefahr führt oft zum Gegenteil: Misstrauen und Sündenbock-Strategien.

Die gegenseitige Anteilnahme am Leid und der Trauer anderer ist eng verwandt mit dem Bewusstsein, dass wir alle gemeinsam vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind. Macy verweist auf die buddhistische Geschichte der Shambhala-Krieger, deren „Waffen“ Einsicht und Mitgefühl sind, und für die der Konflikt zwischen Gut und Böse im Inneren eines jeden Menschen ausgetragen wird. Auch hier lässt sich eine gedankliche Nähe zu ähnlich gelagerten christlichen Vorstellungen (z.B. Epheser 6) erkennen.

Diese Gemeinschaftsbildung geschieht in vier sich erweiternden Sphären:

  1. Die überschaubare Gruppe, in der ich mich heimisch fühle. Hier gebrauchen die Autoren einen schöne Formulierung, wenn sie von Gruppen schreiben, die die einzelnen darin unterstützen, in der Welt ihren bestmöglichen Beitrag zu leisten. In solchen Gruppen kann die andere Story, in der die einzelnen leben wollen, ausgesprochen, gehört und praktiziert werden. Von da aus kann und muss die Bewegung weitergehen in
  2. unser gesellschaftliches Umfeld. Dort können aus kleinen Anfängen Initiativen, Netzwerke und Bewegungen entstehen wie Sarvodaya Shramadana in Sri Lanka oder das Transition Movement. Aber auch da bleibt es nicht stehen, schließlich betreffen viele Krisen
  3. die Menschheit insgesamt, als globale Erscheinung. Letztlich kann sich niemand völlig vom anderen abschotten. Daher ist es wichtig, statt des materiellen Reichtums einzelner Individuen den sozialen Reichtum einer Gemeinschaft zu entdecken, in der jeder willkommen ist.
  4. Im letzten dieser konzentrischen Kreise treffen wir auf die Erde als die Gemeinschaft allen Lebens, und auch hier geht es zunächst darum, dass wir uns bewusst machen, wie wir mit der uns umgebenden Schöpfung schon immer in einer wechselseitigen Beziehung des Gebens und Nehmens stehen, die viele Menschen freilich sehr einseitig interpretieren.

Sind diese Gedanken theologisch anschlussfähig? Mit dem Heiligen Franziskus können wir Christen hier von Mutter Erde, Bruder Mond und Schwester Sonne sprechen. Und vorgestern habe ich in „Gemeinsam für das Leben“ diesen Satz gelesen: „In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann.“

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Aktive Hoffnung (4): Aufstand der Chabos

Ohnmachtsgefühle sind die häufigste Reaktion auf die großen sozialen und ökologischen Krisen des 21. Jahrhunderts. Um nachhaltig etwas zu verändern, sagen Macy und Johnstone, müssen wir die Machtfrage stellen. Das Verständnis von und der Umgang mit Macht muss radikal neu bestimmt werden. Und ihre Neuausrichtung erinnert, ohne dass das explizit thematisiert würde, an Markus 10,42ff.

In die Krise geraten sind wir durch einen Machtbegriff, der auf Überlegenheit und Dominanz setzt. Der Mächtige unterwirft den Ohnmächtigen seinem Willen und setzt seine Vorstellungen auf Kosten anderer durch. Macht spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, sie wird zur käuflichen Ware durch Wahlkampfspenden und Korruption (die Grenzen sind fließend), sie führt zu immer weiteren Konflikten und schafft ein Klima von Angst und Misstrauen, das durch einen aberwitzig teuren Sicherheitsapparat kompensiert werden muss.

Diese Art von Macht – Babo-Power, gewissermaßen – verhindert, dass Menschen lernen, denn schon das Eingeständnis, etwas nicht gewusst oder – schlimmer – sich geirrt zu haben, wird als Schwäche interpretiert. Zur alten, herkömmlichen Story der Macht gehört daher auch die Einsamkeit der Mächtigen – auch derer, die eigentlich aus dieser Form der Machtausübung aussteigen wollen und am Misstrauen ihrer Zeitgenossen scheitern.

Die neue Geschichte der Macht verabschiedet sich von diesem Dualismus des Oben und Unten, sie setzt ein anderes Selbstkonzept voraus als das der Objektivierung der Umwelt und dem Drang, sie zu kontrollieren, ein Selbst-in-Beziehung, das partnerschaftlich denkt und handelt. Der Gegensatz von Egoismus und Altruismus fällt damit in sich zusammen, dass der andere auch zu mir gehört und ich sein Wohlergehen als einen Gewinn empfinde. Dafür verwenden Macy und Johnstone den Begriff „Synergie“.

Synergie ist aber mehr als eine Bündelung von Kräften und Interessen, sondern sie führt auch zu Emergenz, indem sie unvorhergesehene neue Möglichkeiten eröffnet, die aus Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Akteuren und Elementen des Systems erwachsen. Das neue Ganze ist deutlich mehr als die Summe seiner Teile, und da wo der einzelne seinen Beitrag, so lange er ihn isoliert betrachtet, noch als Tropfen auf den heißen Stein versteht, da schöpft er Hoffnung in dem Augenblick, wo ihm deutlich wird, dass er selbst Teil einer viel größeren Bewegung ist und dass sein Beitrag durch andere ergänzt und vervollständigt wird, von denen er bisher vielleicht gar nichts wusste.

Visionen sind die Energie, die ein solches Beziehungsnetz entstehen und wachsen lassen. Ein Paradebeispiel wäre Nelson Mandelas Einsatz gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit und Frieden in Afrika. Wichtig ist diese positive Emergenz solcher Netzwerke auch deshalb, weil viele Krisen die Folgen negativer Emergenz sind – von Einstellungen und Handlungen, die jeweils für sich genommen harmlos wirken, deren kumulativer Effekt jedoch verheerend ist. Aber auch die Lösungen, die jeden einzelnen überfordern würden, funktionieren so: Jede Tat zieht Kreise, und auch wenn sich nicht jede positive Folge eindeutig einem einzelnen Impulsgeber zuordnen lässt (so wie sich eine gute Idee auch keiner einzelnen Gehirnzelle), haben wir doch gemeinsam etwas erreicht. Die Frage dabei lautet also: „Was geschieht gerade durch mich?“ Ist es eher „Business as usual“ oder bin ich ein aktiver Teil der „großen Wende“?

In dem Augenblick, wo jemand nicht nur fragt: „Was bringt’s mir?“, sondern „was kann ich beitragen?“ wird man auch immer wieder auf Verbündete stoßen, die man nicht auf der Rechnung hatte. Dieses Bewusstsein, Unterstützung zu erfahren und getragen zu werden und so über sich hinaus zu wachsen, nennen Macy und Johnstone „Gnade“. Mir scheint, sie verstehen das ganz ähnlich wie Tolkien es im „Hobbit“ beschreibt (Tolkien hatte ja neben der „sozialen“ immer auch die ökologische Bedrohung im Blick). Nicht nur wächst Bilbo über sich hinaus, als er sich um anderer Willen in Gefahr begibt, nicht nur finden Elben und Zwerge und Menschen zusammen, sondern in den düstersten Momenten fliegt urplötzlich ein Adler daher oder eine unscheinbare Amsel benimmt sich auffällig…

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